Qualitative Gesundheit, Krankheit, Metapher, Experten-Laien-Kommunikation

von Ursula Schuepbach » Dienstag, 1. Juni 2004



Rezension zu:
Gisela Brünner & Elisabeth Gülich (Hrsg.) (2002). Krankheit verstehen.
Interdisziplinäre Beiträge zur Sprache in Krankheitsdarstellungen

"Ausschnitt":
...
Zwei Fallbeispiele folgen: In einem wird exemplarisch gezeigt, wie sich die
Metaphern des Klienten und des Therapeuten verfehlen, die Behandlung vom
Klienten auch als misslungen bewertet wird. Im zweiten Beispiel treffen sich
die (im Laufe der Behandlung verändernden) Metaphoriken des Kontakts einer
Klientin und einer Therapeutin, erstere beschreibt abschließend auch die
Therapie als nutzvoll. BUCHHOLZ kann anschließend prognostische Kriterien
für einen erfolgreichen Therapieverlauf davon ableiten. Er plädiert dafür,
das kommunikative Wechselspiel und seine innere Bebilderung durch KlientIn
und TherapeutIn als prozessuale Diagnostik wichtiger zu nehmen als eine
klassifizierende Systematik - in der Tat ist er hier einer
handlungsleitenden Diagnostik wie einer psychotherapeutischen Behandlung auf
metaphernanalytischer Grundlage auf der Spur.
...
http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/3-02/3-02review-schmitt-d.htm






Re: Qualitative Gesundheit, Krankheit, Metapher, Experten-Laien-Kommunikation

von Ursula Schuepbach » Dienstag, 1. Juni 2004



Prof. Dr. Rudolf Schmitt:
...
Einen anderen Aspekt des Redens über Gesundheit und Krankheit beschreibt
TSAPOS, der aus einer Sammlung von ca. 3000 Akten einer Frauen-Abteilung der
Anstalt Bethel ab der Jahrhundertwende mehr als dreißig davon exemplarisch
konversationsanalytisch untersucht hat. Diese Form des Redens, besser:
Schreibens über Krankheit zeigt viele Facetten: Betroffene tauchen nur in
entsubjektivierter Form in den Akten auf ("Die Pat."); sie werden vor allem
in ihren Handlungen, sofern sie pflegerisch relevant sind, wahrgenommen (vom
Essen bis zum Schreien); einmal beschriebene Auffälligkeiten kehren in den
Akten immer wieder ("Pat. glaubt, sie habe Krebsschaden im Kopf") - und es
ist zu vermuten, dass alte Aktennotizen die Wahrnehmung der Schreibenden
immer wieder darauf fokussiert haben. Natürlich sind die Texte in hohem Maß
auch kontextbezogen: Briefwechsel mit den Angehörigen, die eigentlichen
Akteneinträge und Briefe an die Krankenkasse widersprechen sich auch dann,
wenn sie aus dem gleichen Zeitraum sind - je nach Funktion der textlichen
Äußerung des Arztes. Im letzten Abschnitt bezieht TSAPOS historisches
Hintergrundwissen über die Wechsel der Anstaltsleitung, die Ziele der
Anstalt und auch Zahlenverhältnisse zwischen Patientinnen und Schwestern
ein - Konstituenten der Textentstehung, die in einer
konversationsanalytischen Untersuchung nicht fehlen dürfen. Als ehemaligem
Praktiker wurde dem Rezensenten deutlich, wie sehr die interaktionell
relevanten Kontexte die klinischen Aktennotizen prägen - das dürfte sich
wenig geändert haben, ein deja-vu. Methodisch zeigt der Aufsatz die
Möglichkeiten einer erweiterten Konversationsanalyse sehr schön auf. [30]
...
http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/3-02/3-02review-schmitt-d.htm






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