TierRECHTSbewegung

von Klaus Rindfrey » Mittwoch, 4. August 2004



TierRECHTSbewegung

Tierrechte sind modern geworden. Von autonomen VeganerInnen über die
für vier Pfoten Spendende Oma bis zum militanten Antisemiten hat sich
in den letzten Jahren eine Volksfront für die Tiere herausgebildet die
- besieht mensch ihre Inhalte genauer - durchaus auch als
Tier-Rechts-Bewegung bezeichnet werden kann.

Dabei soll es in diesem Artikel keineswegs um die real vorhandenen
katastrophalen Zustände in der industrialisierten Landwirtschaft
gehen. Diese zu kritisieren und zu bekämpfen sind auch wir
angetreten. Und diese sollen mit diesem Artikel auf keinen Fall
gerechtfertigt, verharmlost oder relativiert werden. Was hingegen sehr
wohl geschehen soll ist eine Beleuchtung der ideologischen Positionen
vieler - aber sicher nicht aller - Gruppierungen die sich für
Tierrechte engangieren.

Peter Singer

Einer der ideologischen Väter der modernen TierRECHTSbewegung ist der
australische Moralphilosoph Peter Singer. In seinem Standardwerk
"Animal Libaration - Die Befreiung der Tiere" gibt er als "aktive und
wirkungsvoll arbeitende Organisationen [...] die den
Tierbefreiungsstandpunkt unterstützen u. a. die Adressen der Animal
Liberation Front, der British Union for the Abolition of Vivisection,
der Vegan Society, des Österreichers Dr. Helmut F. Kaplan sowie von
Animal Peace und PETA aus Deutschland an.

Für Singers Idee den Menschenaffen Menschenrechte zuzugestehen - das
"great ape projekt" - wirbt die GAMS, die Fakultätsgruppe der GRAS
(Grüne und Alternative StudentInnen) an der medizinischen Fakultät
Wien. Die feministische Zeitschrift EMMA ist Singer ebenso zugetan wie
die zwischenzeitlich eingestellte anarchistische Zeitschrift
"Toleranzgrenze" aus Wien. Sie zitierte Singer 1994 in einem Artikel
mit dem Titel "Ãœber Menschen und andere Tiere", stimmte darin
inhaltlich mit seinem "Antispezizismus" überein, verschwieg aber
gleichzeitig seine Folgerungen für die Euthanasie. (T.ERROR, 1994: 18)

Was sind aber nun diese Positionen Peter Singers?

Singer geht grundsätzlich von einem "Antispezizismus" aus, das heißt
er sieht keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen "Menschen und
anderen Tieren". Gruppierungen die an der Unterscheidung zwischen
Mensch und Tier festhalten setzt er mit RassistInnen gleich und
bedenkt sie mit dem beschimpfend gemeinten Ausdruck "Spezizisten".

Singer: "Wir können mit Berechtigung annehmen, daß bestimmte Lebewesen
Merkmale aufweisen, die ihr Leben wertvoller machen als das anderer
Lebewesen. Aber mit Sicherheit wird es einige nichtmenschliche Tiere
geben, deren Leben - nach welchem Maßstab auch immer - mehr Wert haben
als das Leben einiger Menschen. Ein Schimpanse, ein Hund oder ein
Schwein beispielsweise dürfte einen höheren Grad an Selbstbewußtheit
aufweisen und eine größere Fähigkeit für Sinnvolle Beziehungen zu
anderen besitzen als ein geistig schwerbehindertes Kleinkind oder ein
Mensch im Stadium fortgeschrittener Senilität. Wenn wir also das Recht
auf Leben auf diese Eigenschaften gründen, müssen wir diesen Tieren
ein genauso großes, wenn nicht sogar größeres Lebensrecht zugestehen
als solchen geistig behinderten oder senilen Menschen." (SINGER,1975,
1996: 53)

Mit der hier skizzierten Negierung jedes Unterschieds zwischen Mensch
und Tier kommt Singer in seinem Klassiker der TierRECHTlerInnen auch
bald zu dem Schluß, daß es zwar unter normalen Umständen das Leben des
Menschen gerettet werden sollte, "wenn wir vor die Entscheidung
gestellt wären, entweder einen Menschen oder ein anderes Tier zu
retten. Aber es sind auch Fälle denkbar, in denen das Gegenteil
richtig wäre, weil der betreffende Mensch nicht über die Fähigkeiten
eines normalen Menschen verfügt." (SINGER, 1975, 1996: 55)

Singer gesteht all jenen Menschen denen er "Personenstatus" zukommen
läßt - die also nicht "schwerbehindert" sind den agressiven Anspruch
auf Selbstverwirklichung zu. Ganz als Ethik des Kapitalismus gedacht
ist es so für ihn nur allzu richtig wenn sich der Stärkere mit allen
möglichen Methoden durchsetzen kann.

Als Anhänger eines Utilitarismus - der Nützlichkeitsphilosophie Jeremy
Benthams (1748-1832) - ist für Singer nur "das größtmögliche Maß an
Zufriedenheit für die maximale Zahl von Personen" (BIERL, 1996: 48)
ausschlaggebend.

Menschen die der "Maximierung von Glück" im Wege stehen und etwa als
"behinderte" Neugeborene von der Gesellschaft versorgt werden müssen
gibt Singer so zum Abschuß frei. Der so moralisch argumentierende
TierRECHTler outet sich schnell als Euthanasiebefürworter:

"Nehmen wir an, es sei, was manchmal vorkommt, ein Kind mit einem
massiven, nicht zu behebenden Hirnschaden geboren worden. Der
Hirnschaden ist so schwer, daß das Kind solange es lebt nur
dahinvegetieren wird, unfähig zu sprechen, andere Leute zu erkennen,
unabhängig von anderen etwas zu tun, oder zu einem Bewußtsein seiner
selbst zu gelangen. Die Eltern des Neugeborenen begreifen, daß keine
Hoffnung darauf besteht, daß sich der Zustand des Kindes jemals
verbessern könnte, und sind weder selbst willens, die Tausende von
Dollar auszugeben, die eine angemessene Pflege des Kindes jährlich
kosten würde, noch wollen sie es vom Staat fordern. Sie bitten den
Arzt, das Kind schmerzlos zu töten. [...]Erwachsene Schimpansen,
Hunde, Schweine und Mitglieder vieler anderer Arten sind in ihrer
Fähigkeit, sich auf andere zu beziehen, unabhängig zu agieren, sich
ihrer selbst bewußt zu sein und jeder anderen Fähigkeit, von der man
sinnvoll behaupten könnte, daß sie dem Leben Qualität verleiht, dam
hirngeschädigten Neugeborenen weit überlegen. Selbst bei der besten
nur möglichen Pflege können manche geistig schwerstgeschädigten
Säuglinge niemals den Intelligenzgrad eines Hundes erreichen. [...]"

Singer ist nur ein - allerdings ein sehr wichtiges - Beispiel dafür zu
welch menschenverachtenden Schlüssen die Negierung des Unterschieds
zwischen Menschen und Tieren führen kann. Die Konsequenzen aus Singers
mörderischem Gedankengut ist die Vernichtung all jener Menschen die
nicht "produktiv" sind: "Behinderte", Alte, Schwache, Kranke,... . Der
Tierschützer Singer wird zum Herr über Leben und Tod von Menschen,
oder wie es Ernst Klee in seiner Absage an die Veranstalter des
Heidelberger Kongreßes mit Peter Singer sagte: "Wer das Lebensrecht
Behinderter in Frage stellt, ist potentiell auch ihr Mörder. [...]
Angesehene Wissenschaftler nutzten die NS-Zeit, ohne lästige Tabus
"Menschenmaterial" beforschen, verbrauchen, töten, sezieren zu
können." (KLEE, 1996)

Animal Liberation Front

Was sich bei Singer als Theorie manifestiert hat jedoch auch
Auswirkungen in den Bewegungen die sich den Tierrechten verschrieben
haben.

Die sich durch ihre Aktionen direkter Tierbefreiung in der Autonomen
Szene großer Beliebtheit erfreuenden "Animal Liberation Front" (ALF)
setzt sich zwar teilweise tatsächlich aus Menschen zusammen die einen
linken Hintergrund haben, die Positionen als Organisation
unterscheiden sich jedoch wenig von denen Singers. Sie werden zwar
selten so deutlich formuliert und so konsequent zu Ende gedacht aber
die Negierung des Unterschieds von Mensch und Tier ist auch hier
deutlich zu bemerken. Die Italienische Schwesterorganisation der
britischen ALF, das "Comitado Liberazione Animale" (CLA) definiert
sich selbst etwa als "una associazione senza scopo di lucro che si
batte contra la vivisezione e contra ogni forma die sfruttamento e
violenza inflitta sullúomo, sugli altri animali e sulla natura." (eine
nicht gewinnorientierte Assoziation gegen Tierversuche, gegen jede
Form von Ausbeutung und Gewalt gegen Menschen, sowie jede andere
Tierart und die Natur) (Flugblatt des CLA vom 15.5.1995).

Antisemitismus

Insbesondere in stark antisemitisch geprägten Staaten wie Österreich
oder Deutschland haben sich in weiten Teilen der TierRECHTSbewegung
auch andere Aspekte rechsextremen und faschistischen Gedankengutes
breitgemacht.

Neben Singers "modernem" Ökofaschismus ist hier der alte
Antisemitismus und eine teilweise diffuse Ausländer- und
Islamfeindlichkeit weit verbreitet. Max O. Bruckers Blatt "Der
Gesundheitsberater" wettert immer wieder gegen das - wie es in einer
Schlagzeile heißt - "betäubungslose Schächten der Tiere". Der Autor
des Artikels "Das betäubungslose Schächten der Tiere - Kulthandlung im
20. Jahrhundert?", Dr. Werner Hartinger ist Vorstand im "Verein Ärzte
gegen Tierversuche e.V." und diskutierte in dieser Funktion bei einer
Veranstaltungsreihe der VHS Braunschweig im Februar 1997 mit Dr.
Helmut F. Kaplan und VertreterInnen der den Holocaust relativierenden
Animal Peace (AP) (SCHAAF, 1997: 27)

Hartinger beschreibt dabei die Schlachtmethode gläubiger Juden und
Muslime als einziges Horrorszenario. Während in der Realität beim
Schächten mit einem einzigen Schnitt eines scharfen Messers sowohl die
Hauptschlagader, die Luft- und Speiseröhre wie die Nervenbahnen im
Hals des Tieres durchtrennt werden und das Schlachttier keineswegs
mehr Schmerz spürt als ein "christlich" geschlachtetes Tier - ja meist
sogar wesentlich weniger Streß und Schmerz durchmachen muß als in den
Massenschlachthöfen der Gegenwart - schreibt Hartinger von einem bis
zu dreizehnminütigen "Todesringen", von schmerzvollen Schnittstellen
und Atemnot. Er spricht von einer "Lobby der Tierquäler" die im
"deutschsprachigen (!) Raum" der EU das Schächten "als
Religionsvorschrift und Kulthandlung" propagierten (SCHAAF, 1997: 27).

Verein gegen Tierfabriken (VgT)

Auch der Österreichische "Verein gegen Tierfabriken" des
ORF-Talkshowstars Dr. Franz-Josef Plank hat das "ausnahmslose Verbot
des Schächtens " zu einem seiner Ziele erhoben und beschreibt dieses
gleich wieder bessern Wissens mit den stark verkürzenden und bewußt
manipulativen Worten "(=Schlachten ohne vorhergehende Betäubung)"
(PLANK, 1994: 30)

Wie viele andere Tierschutzgruppen auch, verharmlost der "Verein gegen
Tierfabriken" mit Begriffen wie "Hühner-KZ" immer wieder die Schoa und
verwischt damit bewußt den Unterschied zwischen einer zugegeben
grausamen Nahrungsmittelproduktion und der industriellen
Massenvernichtung von Menschen. Folgerichtig wird dann der Schlachtung
am Schlachthof für Franz-Joseph Plank überhaupt gleich zum "Holocaust"
(PLANK 1994: 22).

Die Schwesterorganisation des VgT in der Schweiz - ebenfalls "Verein
gegen Tierfabriken" genannt" wurde aufgrund ihrer antisemitischen
Hetze sogar schon nach dem Schweizer Antirassismusgesetz verurteilt
und forderte in der Folge die Aufhebung desselben. (HOMEPAGE des VgT)

Die Österreichische Sektion machte hingegen zuletzt mit ihrem Vorgehen
gegen die Orgien-Mysterien-Spiele des Aktionskünstlers Hermann Nietsch
im August dieses Jahres von sich reden. In einer Pressekonferenz
forderte der Rechtsanwalt der Gruppierung Herrmann Nietsch in eine
Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher einzuliefern (......).

Verbündete fand der Verein gegen Tierfabriken trotzdem immer wieder in
der Ökologiebewegung und in Teilen der Linken. Die Grünen machten
schon mehrfach gemeinsame Aktionen mit dem VgT. Das linke Szenelokal
TU-Club lud den VgT für einen Infostand auf ein gemeinsames
Anti-EU-Fest verschiedener linker Gruppen zum Auftakt des
Österreichischen EU-Vorsitzes ein.

Zum Protest gegen Nietschs Mysterienspiel wurde auch die prominente
Ehegattin eines führenden Front National-Politikers, das gealterte
Ex-Sex-Symbol Brigitte Bardot eingeflogen. Die Tierschützerin die bei
jeder Gelegenheit vor der drohenden Ãœberflutung Frankreichs durch
grausam im Hinterhof schlachtende Moslems warnt, vertrat auch in ihrem
Interview das sie der Zeitschrift NEWS gab ganz offen ihre
Kunstignoranz und ihr antimodernes Weltbild. Auf die Frage ob sie sich
für Nietsch interessiere antworte BB:

"Bis gestern beim Frühstück habe ich noch nie von diesem gefährlichen
Verrückten gehört. Ich habe vielleicht schnell reagiert! Ich bin ja
schon hier! Ich bin für Kunst mit Großbuchstaben. Die Avantgarde ist
für mich nicht immer Kunst: Das muß eine kostbare Sache sein,
schwierig zu machen. Kunst muß man studiert haben. Nicht irgendwas
irgendwie tun, damit es "modern" ist. Alles Moderne ist sowieso
abscheulich."

Auf die Frage "Mögens Sie die Menschen?" antwortete sie ebenso offen
mit "Nur jene, die Tiere lieben."

Faschistische Kontinuitäten

Hinter all diesen Versuchen einerseits das Schächten als besonders
grausame Schlachtmethode zu verdammen und andererseits mit einer
Gleichsetzung des Tierleides in Legebatterien und anderen Formen
industrieller Landwirtschaft mit der industriellen Massenvernichtung
von Menschen in der Schoa gleichzusetzen steht ein offener oder
verdeckter Antisemitismus, der die ach so armen Tierchen zum Vehikel
für rechtsextreme und faschistische Ideen machen soll.

Bereits die NSDAP arbeitete mit Teilen der TierRECHTSbewegung eng
zusammen. In der NSDAP sammelten sich unter anderem auch
AnhängerInnen biologisch-dynamischen Landbaus und
TierschützerInnen. Das NS-Schächtverbot von 1933 stieß so auch auf die
ungeteilte Zustimmung fast aller Tierschutzgruppen. Im 1996 erschienen
Buch von Peter Köpf "Ein Herz für Tiere? Über die radikale
Tierrechtsbewegung" ist unter anderem zu lesen wie der alte
Parteigenosse (1920), Ehrenmitglied des Weimarer Tierschutzvereines
und Professor an der tierärztlichen Hochschule München dem
NS-Schächtverbot nachtrauerte:

"Erst der SA und SS war es zu verdanken, daß den Juden das
Schächtmesser aus der Hand genommen wurde. Der Nationalsozialismus hat
auch den Tierschutz auf seine Fahnen geschrieben, deutsche Sitten
müssen wieder herrschen. [...] Mit dem Blutkult der Juden ist
endgültig Schluß zu machen."

Wie er denken offensichtlich auch einige Guppierungen in der
TierRECHTSbewegung.

Thomas Schmidinger

BIERL, Peter: Spezizismus oder wie das Töten von Menschen
leichter wird, in: ÖkolinX 23, Sommer 1996, S48-49

KLEE, Ernst: Absage an die Veranstalter des Heidelberger
Kongreßes, 15.2.1996

PLANK, Franz-Josef: Fleisch-ein Stück Lebenskraft?, 1994, Verein
gegen Tierfabriken, Rekawinkel

SCHAAF, Tamara: Antisemitische Tierschützer, in: ÖkolinX 26,
Sommer 1996, S27-28

SINGER, Peter: Animal Liberation. Die Befreiung der Tiere", 1975,
Hamburg 1996;

T.ERROR: Ãœber Menschen und andere Tiere, in: Toleranzgrenze,
April 1994, S18-20


(radix Nr. 1)



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