USA/Israel: AIPAC - Die geheime Macht des Kapitols 1-2/5

von G.Lange » Sonntag, 12. Dezember 2004




AIPAC - Die geheime Macht des Kapitols

Teil 1


Washington ist die Stadt der geheimen Mächte. Und die bekannteste
dieser Mächte im Kongreß ist heute die AIPAC. Die bloße Erwähnung
dieses Namens zeichnet nachdenklich verstohlene Züge in das Gesicht
eines jeden, der sich am Capitol Hill mit Nahost-Fragen beschäftigt.
AIPAC - das American Israel Public Affaires Committee - ist mittler-
weile zur tonangebenden Kraft der Washingtoner Lobby geworden.

Als ich 1967 als verhältnismäßig unprofilierter Kongreßabgeordneter
in den Ausschuß für Auswärtige Angelegenheiten berufen worden war,
hatte ich noch nie diesen Namen gehört gehabt. Aber bald danach
hatte es sich ergeben, daß ich während einer privaten Diskussion mit
einigen Kollegen des Komitees den militärischen Angriff Israels auf
Syrien mit ein paar kurzen Bemerkungen kritisierte. Daraufhin beugte
sich mein Republikanischer Parteifreund William S. Broomfield aus
Michigan lächelnd zu mir herüber und warnte mich hintergründig:
"Warte nur, bis Si Kenen drüben von der AIPAC erfährt, was du gerade
geäußert hast." Broomfield bezog sich mit seinem Hinweis auf jenen
I. L. Kenen, den leitenden Direktor der AIPAC, dessen Name mir aber
ebenso unbekannt war wie seine Organisation als solche. Später mußte
ich allerdings erfahren, daß Broomfield durchaus keinen Spaß gemacht
hatte mit seiner Bemerkung; denn die AIPAC erfährt mitunter auch aus
privaten Unterhaltungen, wie verschiedene Kongreßabgeordnete unserer
Nahostpolitik gegenüber eingestellt sind. Und solche Kollegen, die
auch nur die leiseste Kritik an Israel äußern, setzen damit ihre po-
litische Karriere aufs Spiel.

Obwohl die AIPAC nur einen Teil der Israel-Lobby darstellt, übt
diese Organisation sicher den stärksten Einfluß auf unsere poli-
tische Öffentlichkeit aus. Sie hat in den letzten Jahren ihre Ef-
fektivität noch mehr vertieft und erweitert. Es ist nicht übertrie-
ben, wenn ich behaupte, daß die AIPAC praktisch bei allen Aktivi-
täten, die sich auf den Nahen Osten beziehen, ihre Kontrolle ausübt.
Nahezu ohne Ausnahme biedern sich dieser einflußreichen Organisa-
tion daher die Mitglieder aus Senat und dem Repräsentantenhaus an,
denn die meisten sehen in der AIPAC die eigentlichen Repräsentanten
der politischen Macht, die ihre Chancen bei den Wahlen steigern oder
vernichten können.

Ob es auf Tatsachen oder nur auf Phantasie beruht - letztlich zählt
nur das Wahrnehmbare: Die AIPAC - das bedeutet Macht, rohe, ein-
schüchternde Gewalt. Die Bedeutung dieser Organisation wird in einem
Beitrag der New York Times prägnant umrissen: "Die einflußreichste,
bestgeführte und effektivste ausländische Interessensgruppe in
Washington." Der frühere Kongreßabgeordnete Paul N. "Pete" McCloskey
hat es noch treffender formuliert: Der Kongreß wird von der AIPAC
"terrorisiert". Andere Kongreßmitglieder haben sich in der Öffent-
lichkeit nicht so ehrlich geäußert. Dennoch stimmten zahlreiche Kol-
legen aus dem Senat und dem Repräsentantenhaus in privatem Kreis
dieser Ansicht zu.

Die Vormachtstellung der AIPAC ist relativ neu. Vor ein paar Jahren
noch galt die 'Konferenz der Präsidenten der Jüdischen Hauptorgani-
sationen' als die stärkste Pro-Israel-Vereinigung in Washington. Sie
hatte die Belange von 38 der größten jüdischen Gruppen der USA ver-
treten. Die 'Anti Defamation League' (ADL), das 'American Jewish Com-
mittee' und die AIPAC operierten in ihrem Schatten. Die beiden letzt-
genannten Organisationen hatten je 50.000 Mitglieder.

Die Anti Defamation League (ADL) ist der sogenannten 'B'nai B'rith'
untergeordnet, jener Loge, die 1853 von deutschen Einwanderern in
New York gegründet wurde, und deren Ritual jenem der Freimaurer
ähnelt. "Wohltätigkeit, Bruderliebe und Eintracht" ist die Devise
dieser Vereinigung der "Söhne des Bundes" mit einer weltweiten Mit-
gliederzahl von 500.000. Allein in Deutschland existierten vor dem
Zweiten Weltkrieg über 100 Bne-Briss-Logen mit 12.000 Mitgliedern.
Diese Logen waren 1937 durch die Gestapo aufgelöst - und nach dem
Kriege in Berlin und Frankfurt am Main und anderen Orten wieder
errichtet worden.

Die im Schatten der B'nai B'rith operierende ADL (Anti-Defamation
League) verfügt über ein erhebliches Eigenkapital und hat sich im
wesentlichen ihre Unabhängigkeit erhalten. Obwohl diese Organisation
in den letzten Jahren noch mehr an Bedeutung gewonnen hatte, wurden
die beiden Washington-Repräsentanten Hyman Bookbinder vom American
Jewish Committee und Dave Brody von der Anti Defamation League durch
die AIPAC-Organisation immer mehr in den Hintergrund gedrängt.

Die AIPAC-Repräsentanz in Washington ist lediglich die sichtbare
Spitze der Lobby. Ihre Effektivität aber ist tief verankert im Fun-
dament, das von US-Juden im ganzen Land errichtet wurde und durch 200
nationale Gruppen gestärkt wird. Ein Komitee-Angehöriger erklärt den
Hintergrund der AIPAC-Organisation: "Ich würde sagen, daß höchstens
zwei Millionen Juden politisch oder wohlfahrtsmäßig interessiert
sind. Die anderen vier Millionen sind das nicht. Von den ersten zwei
Millionen möchten die meisten - außer ihren geldlichen Zuwendungen -
in nichts hineingezogen werden."

Praktisch handelt es sich bei jenen, die sich in der amerikanischen
Judenschaft politisch aktiv betätigen, um nicht mehr als etwa 250.000
Personen. Das populärste Nachrichtenblatt der Lobby - der AIPAC-Near
East Report - wird an etwa 60.000 Anhänger verschickt. Aus einer Mar-
ketinganalyse geht hervor, daß der Near East Report hauptsächlich von
solchen US-Bürgern gelesen wird, die in Pro-Israel-Aktivitäten enga-
giert sind - gleichgültig, ob sie sich primär zur AIPAC, zur B'nai
B'rith, zum American Jewish Committee, zur Anti Defamation League,
zum Jewish National Fund, zum United Jewish Appeal oder irgendeiner
anderen nationalen Gruppe zählen. Das Nachrichtenblatt wird kostenlos
auch und vor allem an alle Medien, Kongreßabgeordnete, Beamte in
Schlüsselpositionen der Regierung sowie andere wichtige Personen des
Außenamtes verteilt. Für die AIPAC-Mitglieder sind die Kosten für
den Bezug des Near East Report im jährlichen Beitrag von $ 35 inbe-
griffen.

Genau betrachtet, agieren die einzelnen Gruppen der Lobby als infor-
melle Außenstellen der israelischen Regierung. Dieser Zustand wurde
offenbar, als z.B. die AIPAC mitgeholfen hatte, den offiziellen Ent-
wurf unserer Regierungserklärung zu fommulieren, wonach das isra-
elische Bombardement des irakischen Nuklearreaktors gerechtfertigt
werden sollte. Diese Erklärung war gleichzeitig und gleichlautend
mit jener der israelischen Botschaft veröffentlicht worden.

Keine der großen jüdischen Organisationen würde sich jemals öffent-
lich gegen bestimmte Positionen oder Maßnahmen aussprechen, die von
Israel gutgeheißen wurden. Thomas A. Dine, leitender Direktor der
AIPAC, hatte in erster Begeisterung den bekannten Friedensplan des
Präsidenten Reagan vom September 1982 gepriesen. Wenig später aber,
als Israel diesen Plan zurückgewiesen hatte, war auch Dines Be-
geisterung ebenso schnell wieder erloschen.

Diese Art von synchronisierter Zusammenarbeit wurde auf den Gängen
des Kongreßhauses immer wieder humorvoll kommentiert. So erinnerte
sich der frühere US-Botschafter im Sudan, Don Bergus, an einen
dieser Witze: "Wenn der israelische Ministerpräsident behauptet
hätte, die Welt sei keine Kugel sondern eine Scheibe, so konnte
man im Außenministerium damit rechnen, daß der Kongreß innerhalb
von 24 Stunden eine Resolution verabschieden würde, um ihm die
Glückwünsche für seine Entdeckung zu übermitteln."

Die jüdischen Organsisationen sehen im lobbyistischen Washington
jedoch ein ernstzunehmendes Geschäft, wofür die AIPAC immer mehr
die Führung übernehmen sollte. Stephen S. Rosenfeld von der Was-
hington Post bezeichnete die AIPAC als "mit Sicherheit die führende
jüdische Politmacht der Vereinigten Staaten."

In den AIPAC-Statuten wurde deren Aufgabe zwar als legislative
Tätigkeit definiert; aber jetzt vertritt diese Organisation immer
entschiedener die Interessen Israels, wann immer eine zum Wohle
Amerikas erhobene Forderung in den Nachrichtenmedien, in den reli-
giösen Gemeinden oder in den Fakultäten unserer Universitäten im
Ansatz erkennbar ist. Da die AIPAC-Bediensteten mit Steuergeldern
der amerikanischen Bürger entlohnt werden, waren für diese Organi-
sation auch nicht die Bestimmungen zur amtlichen Registrierung von
Auslandsagenten angewendet worden. Betrachtet man jedoch den Effekt
dieser Organisation, so funktioniert die AIPAC ebenso wie ein aus-
ländischer Agentenapparat.

Im Laufe der Jahre ist die Israel-Lobby mit aller Sorgfalt in unser
Regierungssystem eingedrungen. Und die Organisation, die diese Auf-
gabe hervorragend bewältigte, war die AIPAC, an der selbst der Prä-
sident der Vereinigten Staaten nicht vorbeiregieren kann, wenn er
ein lästiges politisches Problem im Zusammenhang mit den arabisch-
israelischen Auseinandersetzungen zu bewältigen hat.

Konfrontiert mit einer wachsenden Opposition gegen die Präsenz der
US-Marines im Libanon, hatte Präsident Reagan im Oktober 1983 die
AIPAC - das Amerikanisch-Israelische Komitee für Öffentliche Ange-
legenheiten - um deren Unterstützung gebeten. Die terroristische
Bombardierung, welche zweihundert schlafende US-Marinesoldaten in
ihren Barracken am Beiruter Flughafen töten sollten, hatte damals
noch nicht stattgefunden gehabt. Lediglich vier Soldaten waren sei-
nerzeit schon getötet worden, drei von ihnen durch Scharfschützen.
Kein Wunder, daß durch diese Vorfälle der Kongreß immer besorgter
geworden war. Der Demokratische New Yorker Abgeordnete Sam Stratton
bezeichnete in seiner bekannten bissigen Ausdrucksweise unsere Ma-
rineinfanteristen als "brütende Enten", für die er schwere Verluste
prophezeite. Er forderte die Heimführung unserer Marinesoldaten aus
dem Libanon.

Andere verwiesen auf die War Power Resolution und wollten wissen, ob
der Präsident ohne ausdrückliche Zustimmung des Kongreßes überhaupt
autorisiert sei, unsere Truppen länger als 90 Tage in einer feind-
lichen Verwicklung wie in Beirut einzusetzen. Einige Kongreßmitglie-
der begannen bereits Parallelen zu ziehen zwischen dem Einsatz der
US-Marinesoldaten im Libanon und unserem damals beginnenden ver-
heerenden Vietnamabenteuer.

Präsident Reagan erhob - ebenso wie seine Amtsvorgänger es taten -
Einspruch gegen die Restriktionen, wie sie ihm durch die War Power
Legislation auferlegt worden waren. Wenn die Vorschriften damals
befolgt worden wären, hätte er nämlich innerhalb von 90 Tagen die
US-Truppen aus dem Libanon zurückziehen - oder sich eine Einsatz-
verlängerung durch den Kongreß bewilligen lassen müssen. Wenn er
sich weiterhin darauf berufen wollte, daß unser Gesetz in diesem
Fall nicht angewendet werden könne, da der Libanon für uns kein
Feindgebiet darstellte, so sollten ihn die kommenden Ereignisse
schnell eines Besseren belehren. Abgesehen davon, mußte Reagan bei
diesen Entwicklungen einen Aufstand im Kongreß befürchten.

In dieser Situation entschloß er sich, das Problem geschickt zu
umsegeln. Er erbat sich vom Kongreß zunächst die Genehmigung, die
bereits entsandten US-Marines für 18 Monate im Libanon stationiert
zu halten. Damit würden sich bis auf weiteres die "strengen Ge-
setzeshüter" zufrieden geben, die da meinten, daß die Befolgung
der Kriegsbevollmächtigungs-Resolution ohnehin Sache des Präsi-
denten sei, der mit diesem Gesetz leben müsse. Das würde Reagans
Zwangslage erleichtern, denn er war zuversichtlich, daß er die
Rückführung seiner Marinesoldaten innerhalb der gesetzlich be-
grenzten Frist von 18 Monaten durchführen konnte.

Durch eine außergewöhnliche Schützenhilfe von bestimmter Seite war
Reagans Plan verhältnismäßig wohlwollend im Repräsentantenhaus be-
handelt worden. Der Sprecher Thomas P. "Tip" O'Neill, wohl der ge-
wichtigste Vertreter des Demokratischen Flügels, hatte die Legisla-
tur besonders stark unterstützt. Für ihn war es eine Frage von "Pa-
triotismus", und mit dieser Devise aktivierte er genügend Demokra-
ten, um die Annahme der Gesetzesvorlage durch das Demokratisch-ge-
lenkte Repräsentantenhaus sicherzustellen.

Im Senat jedoch erwartete den Präsidenten ein weitaus schwierigeres
Problem. Obwohl hier Reagans eigene Partei, die Republikaner, das
Sagen hatten, zeichnete sich bei einem Kopf-an-Kopfrennen nur ein
äußerst knapper Sieg - wenn nicht sogar eine Niederlage ab. In
höchster Not wandte sich Reagan jetzt an Thomas A. Dine, jenen
schmächtigen, dunkelhaarigen und aggressiven "Fuchs" im Kapitol,
der seit 1981 den Kurs der AIPAC bestimmte.

Reagans Hilfebegehren an die AIPAC, wonach Dine den anstehenden
Erlaß zur weiteren Stationierung von US-Marinesoldaten im Libanon
unterstützen möge, stellte in der langen Geschichte unserer Demo-
kratie einen erstaunlichen Präzedenzfall dar. Im schwebenden Ge-
setzesentwurf waren für Israel keine Mittel vorgesehen gewesen.
Sowohl die AIPAC als auch andere israelische Lobbyisten hatten
sich überdies aus dem Libanonkonflikt herausgehalten. Die Pro-
Israelis in unserem Land wollten aber verhindern, daß letztlich
der Staat Israel in Mißkredit gerät, falls unsere Marine-Einheiten
im Libanon auf weitere Schwierigkeiten stoßen sollten.

Waren es nicht die Israelis selbst, die für die Schwierigkeiten der
Vereinigten Staaten im Libanon die Verantwortung zu tragen hatten?
Israel hatte diskret aber effektiv mitgeholfen, die ursprüngliche
Stationierung unserer Marinesoldaten in Beirut einzufädeln. Das war
geschehen, weil Israel seine Truppen nur im Austausch mit multina-
tionalen Einheiten wieder zurückziehen wollte, unter der Bedingung,
daß auch und vor allem die Amerikaner diesem Friedensverband ange-
hörten. (Hier muß daran erinnert werden, daß die Stationierung
multinationaler Verbände gar nicht notwendig gewesen wäre, hätte
in erster Linie nicht Israel von sich aus den Libanon überfallen.)
Obwohl - wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand - gerade die AIPAC
auf die Präsenz unserer Marine-Einheiten im Libanon gedrängt hatte,
hielten sich die verantwortlichen Befürworter tunlichst im Hinter-
grund.

Reagans Hilferuf aus dem Weißen Haus war aber auch noch aus einem
anderen Grund außergewöhnlich: Der Präsident brauchte nämlich die
Unterstützung gerade jener Senatoren, die normalerweise seine ent-
schlossensten Befürworter waren. Er war sich diesmal nicht sicher,
ob ihm zwölf besonders wichtige Republikaner - unter ihnen John
Warner aus Virginia, Dan Quale aus Indiana, William Cohen aus
Maine und James A. McClure aus Idaho - ihre Stimme geben würden.
All diese Abgeordneten, mit Ausnahme von McClure, waren zwar tat-
kräftige Förderer Israels - aber dennoch bekannt für ihre starre
Haltung in militärischen Fragen. Als nun die AIPAC mit diesen par-
teiinternen Problemen konfrontiert worden war, bemerkte einer ihrer
Direktoren: "Wenn das Weiße Haus diese Stimmen verlieren sollte,
so wird der Entwurf keine Mehrheit finden."

Trotz seiner Scheu, öffentlich in die sensitive Angelegenheit hi-
neingezogen zu werden, wurde die AIPAC dennoch aktiv. Das Ergebnis:
neun der zwölf Senatoren, einschließlich der oben genannten,
stimmten für Reagan. Damit hatten sie ihm mit 54 gegen 46 Stimmen
zu einem knappen Sieg verholfen.

Was die AIPAC hinter den Kulissen zu dem Abstimmungsergebnis
beigetragen hatte, war in den meisten Medienberichten über dieses
dramatische Ereignis überhaupt nicht erwähnt worden. Tatsächlich
hatte Präsident Reagan damals persönlich zum Telefonhörer gegriffen,
um sich glückstrahlend bei Dine zu bedanken. Michael Gale, Verbin-
dungsmann des Weißen Hauses zur Jüdischen Gemeinde, verfaßte eine
Niederschrift dieses Gespräches und schlug vor, daß sein Bericht
durch die AIPAC veröffentlicht werden sollte. AIPAC hatte dies
jedoch abgelehnt und sich nach außenhin so verhalten, als hätte
sie mit der Sache überhaupt nichts zu tun gehabt. So gab man den
Text an Wolf Blitzer von der Jerusalem Post weiter, der früher
den AIPAC Near East Report geschrieben hatte. In der Jerusalem
Post wurde dann Reagans Danksagung an Thomas Dine zitiert, mit den
Worten: "Ich möchte Ihnen und allen Ihren Mitarbeitern für die
große Hilfe danken, mit der Sie uns bei der Resolution zum War
Power Act unterstützt haben... Ich weiß, wie Sie Ihre Basisorgani-
sationen mobilisierten, um diese Unterstützung zu ermöglichen."

"Wir versuchen es halt übers Telefon", erwiderte Dine. "Das gehört
zu unserem Job. Wir wollten es so machen, und wir werden es so
weiterpraktizieren.... Wir möchten selbstverständlich zusammenar-
beiten. "

Zusammenarbeiten - das ist in der Tat geschehen. Die Reagan-Exeku-
tive knüpfte mit der AIPAC alsbald ein beispielloses vertrauliches
Verbindungsnetz. Es war nicht das erste Mal, daß sich das Weiße
Haus oder das Außenministerium um Hilfe an diese Lobby gewandt
hatte. Obwohl solche Vorstöße auf höchster Ebene selbst am Capitol
Hill wenig bekannt sind, erweisen sie sich immer wieder als wir-
kungsvoll, wenn über Gesetzesvorlagen für Auslandshilfen abgestimmt
werden soll. Wer immer auch das Weiße Haus kontrollieren mag - er
kann ohne vorherige Genehmigung des Kongresses keine Auslandshilfen
gewähren. Und da in unserer Gesetzgebung die wirtschaftliche und
militärische Hilfe für Israel obligatorisch verankert wurde, wird
man natürlich bei der AIPAC Schützenhilfe suchen. Neben einigen hu-
manitären und kirchlich-verbundenen Organisationen, versorgt die
AIPAC auch inländische Wahlbezirke mit den Früchten der Auslands-
hilfe.

Ohne die Unterstützung durch die AIPAC hätte das Auslandshilfe-
Gesetz mit der Obergrenze von $ 7 Milliardenplus im Jahre 1983
keine Zustimmung bekommen. Vielleicht wäre dieses Gesetz ohne
AIPAC-Unterstützung überhaupt zu Fall gebracht worden. Damals
wurde der Lobby hohe Anerkennung gezollt durch John K. Wilhelm,
dem leitenden Direktor jener Präsidial-Kommission, die Ende 1983
Empfehlungen für den zukünftigen Einsatz unserer Auslandshilfe
erarbeitet hatte. Während einer Anhörung im Welt-Hunger-Ausschuß
des Außenministeriums im Januar 1984 erklärte John Wilhelm, daß
für die Zustimmung des Kongresses zur Auslandshilfe letztlich
die Unterstützung der Israel-Lobby "ausschlaggebend" war. In den
frühen 60er Jahren, als unsere Israel-Hilfe nur in gemäßigtem
Umfang gewährt worden war (weniger als hundert Millionen im Jahr!),
konnte ein Auslandshilfe-Antrag im Repräsentantenhaus nur mit
knappen 5 Stimmen positiv entschieden werden. Die AIPAC steckte
damals noch in den Kinderschuhen.

Die AIPAC hatte auch jene Strategie ausgetüftelt, die im Jahre 1983
eine Steigerung unserer Israel-Hilfe um 510 Millionen Dollar bewirkte.
Diese zusätzliche US-Hilfe erschien deshalb als erstaunlich, als sie
ausgerechnet im Anschluß an die verheerende Bombardierung von Beirut
gewährt worden war. Hinzu kam, daß die israelischen Streitkräfte
den Massakern an palästinensischen Flüchtlingen in den Lagern von
Sabra und Shatila keinen Einhalt geboten hatten. Dieses Vorgehen
entfachte in unserer Öffentlichkeit eine unerhörte Auflehung gegen
die Politik Israels.

Die Administration widersetzte sich der Steigerung unserer Auslands-
hilfe für Israel. Sie wurde aber beiseite manövriert. Als der
Richter William Clark, Nationaler Sicherheitsberater unter Präsident
Reagan, seinen dringlichen Appell zur Blockierung der anstehenden
neuen Israel-Hilfe an den Republikanischen Senator Mark Hatfield
übermitteln wollte, war alles bereits beschlossen. Die AIPAC hatte
inzwischen ihre Mühlsteine in Bewegung gesetzt, um die Mehrheit im
Zuteilungs-Komitee davon zu überzeugen, daß die Frage nach einer
Aufstockung der Hilfsaktionen deutlich zeigen wird, ob man für oder
gegen Israel eingestellt ist. Unter diesen Vorzeichen wollte natür-
lich niemand mehr auf der Gegenseite stehen.

Während das Weiße Haus aus budgetären Gründen noch gegen eine Stei-
gerung der Hilfeleistungen argumentierte, hatte die AIPAC den Ver-
waltungsapparat im Repräsentantenhaus bereits auf ihre Seite gezo-
gen. Das Argument des Weißen Hauses, wonach eine Anhebung der Is-
rael-Hilfe nur auf Kosten anderer bedürftiger Länder erfolgen kön-
ne, wurde anhand minutiöser Daten, die von AIPAC-Lobbyisten präsen-
tiert worden waren, entkräftet. Danach konnte die Extrahilfe für
Israel ohne weiteres wieder gewährt werden, ohne die Unterstützungs-
gelder für andere Länder zu kürzen. Ein AIPAC-Lobbyist faßte die
Argumente zusammen: "Die Lobbyisten in den Verwaltungsstellen haben
einfach ihre Hausaufgaben nicht bewältigt. Sie hatten offenbar
ihre Unterlagen nicht vollständig beisammen." 1984 waren die Hilfe-
leistungen bereits auf über $ 2 Milliarden pro Jahr angestiegen.
Dabei handelte es sich um Kreditbewilligungen ohne Rückzahlungs-
verpflichtung, wobei die Zustimmungsgrenze bei 112 lag.

Im Februar 1983 berief Außenminister George Shultz eine Hosenband-
Ordensgemeinschaft prominenter Bürger, welche Vorschläge zur Än-
derung unseres Auslandshilfe-Programms erarbeiten sollte. Zu den
42 Kommissionsmitgliedern gehörten 27 Senatoren oder Abgeordnete
des Repräsentantenhauses, die an erster Stelle für die gesetzge-
berischen Maßnahmen zur Absicherung von Auslandshilfen verantwort-
lich waren. Die anderen hatten sich im Rahmen der Verwaltung un-
serer Auslandshilfe in den vergangenen Jahren profiliert.

* * *

AIPAC - Die geheime Macht des Kapitols

Teil 2


Nur ein einziger Fulltime-Lobbyist war in die Kommission berufen
worden: der AIPAC-Generaldirektor Thomas A. Dine. Meines Wissens
war hier - zum ersten Mal ein Lobbyist mit einer derart einfluß-
reichen Regierungsaufgabe betraut worden. Dines außergewöhnliche
neue Position war vor allem deshalb erstaunlich, weil sie ihn in
engsten Arbeitskontakt mit jener kleinen Zahl von Leuten brachte,
die unsere Politik ausgerechnet in jener Sache formulierten und
exekutierten, in der sich die AIPAC als Richtungsweiser bewährte -
nämlich der Hilfe für Israel.

Eine noch begehrenswertere Regierungsposition konnte man sich für
einen außenstehenden Lobbyisten kaum vorstellen. Ex-Senator James
Abourezk, Vorsitzender des American-Arab-Anti-Discrimination Com-
mittee, kommentierte die sonderbare Bestellung Dines folgender-
maßen: "Es würde den gleichen Sinn ergeben, wenn man z.B. den Prä-
sidenten der Lockheed Corporation in eine Kommission des Vertei-
digungsministeriums beriefe, die darüber entscheidet, welche Flug-
zeuge unsere Air-Force kaufen solle."

Im November war Dine auf seiner Washingtoner Leiter zu Prestige und
Einfluß noch eine Sprosse hinaufgestiegen. Er wurde zu einem privaten
Gespräch mit dem Nationalen Sicherheitsberater Robert C. McFarlane
ins Weiße Haus gebeten. McFarlane war Reagans engster Berater für
alle aktuellen Fragen, die den Mittleren Osten betrafen. Auf ihrer
Gesprächsliste standen zwei außenpolitische Tagesthemen von höchster
Brisanz: die Situation im Libanon und der Vorschlag, Jordanien beim
Aufbau einer schnellen Eingreiftruppe zu helfen. Diese beiden An-
liegen waren gerade für Israel von vitaler Wichtigkeit. Die Einla-
dung des AIPAC-Direktors Dine ins Weiße Haus erfolgte genau eine
Woche nach dem bekannten jubilierenden Telefonanruf von Präsident
Reagan.

Nach seinem Besuch im Weißen Haus hatte im Januar 1984 das Washing-
tonian-Magazine Thomas A. Dine bereits zu den einflußreichsten
Männern der US-Metropole gekürt. Seine Reputation in den USA er-
regte sogar in den arabischen Metropolen Aufsehen; denn bereits im
März 1984 war die AIPAC öffentlich durch König Hussein von Jordanien
getadelt worden. Der Grund dafür lag zum Teil im Nachlassen des US-
Einflusses und den damit zusammenhängenden Friedensinitiativen für
den Nahen Osten. Der König kritisierte vor allem den unmäßigen Ein-
fluß der Israel-Lobby auf unsere US-Präsidentschaftskandidaten. Er
sagte, daß die Kandidaten gezwungen seien, sich "anzubiedern zum
Gefallen der AIPAC, des Zionismus und Israels."

Ein Ereignis, das den König besonders provozierte, war - Mitte März
1984 - die Tatsache, daß Thomas Dine zehn Tage hindurch persönlich
an direkten außenpolitischen Verhandlungen mit Staatssekretär La-
wrence S. Eagleburger aus dem US-Außenministerium und dem Nationalen
Sicherheitsberater McFarlane teilgenommen hatte. In einer dieser
Sitzungen machte Eagleburger den Vorschlag, eine weithin publizierte
Empfehlung zum Verkauf von Luftabwehrraketen an Jordanien wieder zu-
rückzuziehen, wenn im Gegenzug die AIPAC ihren Druck auf die ameri-
kanische Legislative aufgäbe, wonach die US-Botschaft in Israel von
Tel Aviv nach Jerusalem verlegt werden sollte.

Zu diesem Zeitpunkt war König Husseins scharfe Kritik an den Ver-
einigten Staaten und der AIPAC in den US-Zeitungen erschienen. Dine
wußte, daß dies eine Stärkung der Opposition im Kongreß bedeutete,
die ihrerseits den Verkauf von Flugabwehrraketen an Jordanien fa-
vorisierte und dafür votiert hatte. Während in dieser Situation
Eagleburger seinen Vorschlag einbrachte, hatte die AIPAC bereits 48
Senatoren im Lager der Opposition für ihre Ziele aktiviert. Sechs
weitere folgten am nächsten Tag. Auf diese Weise hatte die AIPAC
den Raketenverkauf an Jordanien praktisch ohne Gegenleistungen
unterbunden.

Nachdem er Eagleburgers Vorschlag verworfen hatte, wartete Dine
jetzt mit dem Versprechen auf, daß sich die AIPAC nicht mehr aktiv
der vorgeschlagenen US-Hilfe zum Aufbau einer jordanischen Ein-
greiftruppe widersetzen werde. Dines Lobby würde einen Kompromiß für
eine Gesetzesvorlage zur Umsiedlung der amerikanischen Botschaft von
Tel Aviv nach Jerusalem ausarbeiten, unter der Voraussetzung, daß
die US-Regierung zwei wichtige Bedingungen erfüllt:

Erstens dürften keine Stinger-Flugabwehrraketen mehr an Saudi-Ara-
bien verkauft werden. Zum zweiten bestand die AIPAC auf der Publi-
zierung einer offiziellen Erklärung, wonach die US-Regierung zu-
künftig keine indirekten Verbindungen zur PLO aufnehmen bzw. unter-
halten würde. Obwohl der gewünschte 'Offene Brief' nie publiziert
worden war, hatte sich unsere Regierung aber dennoch aus dem Stinger-
Geschäft sowohl mit Saudi-Arabien als auch mit Jordanien zurückgezo-
gen.

Das Ansehen des AIPAC-Direktors Dine war nach diesem Verhandlungs-
ergebnis enorm gestiegen. Auf der anderen Seite stand aber Richard
Murphy, Stellvertretender Staatssekretär für den Nahen Osten und
Südasien. Obwohl er offiziell mit der Entwicklung und Realisierung
der US-Politik in bezug auf den Nahen Osten betraut worden war,
hatte man ihn zu den Dreierverhandlungen zwischen Eagleburger-
McFarlane-Dine gar nicht eingeladen. Man unterrichtete ihn auch
nicht über die Entscheidung zur Einstellung der Stinger-Lieferungen
an Saudi-Arabien, obwohl die AIPAC schon zwölf Stunden danach diese
Information erhalten hatte.

Die Washington Post resumierte, daß dieser Vorfall "Fragen aufwarf,
ob unsere Administration berechtigt ist, in außenpolitischen Ange-
legenheiten mit einer privaten, speziell interessierten Organisation
Geschäfte zu machen." Dine hatte seine Antwort bereits parat: "Wir
meinen, daß es besser ist stark zu sein und kritisiert zu werden, als
schwach dazustehen, ignoriert und unbeachtet."

Teilweise war die außergewöhnliche Rücksichtnahme unserer Regierung
ein Tribut gegenüber Dines besonderer Charaktermixtur von ein-
schmeichelnden Manieren, gepaart mit Hartnäckigkeit, unerbittlichem
Temperament und dynamischer Energie. Unter Dine waren die Mit-
gliederzahlen der AIPAC von 11.000 auf über 50.000 gestiegen, und
das Budget von $ 750.000 auf mehr als $ 3 Millionen angewachsen.

Dines Einfluß ist überall zu spüren, wo die eigentlichen Schalthebel
der Macht bewegt werden. Er empfängt Anrufe von Präsidenten und
Präsidentschaftskandidaten. Und er berichtet, daß der frühere
Vizepräsident Walter Mondale "Lügen über uns verbreitet", jeweils
bevor er seine Erklärungen über die Nahostpolitik der Vereinigten
Staaten zum besten gibt. Die meisten vom Kongreß ausgehenden und
unsere Nahostpolitik betreffenden Aktionen sind entweder mit der
AIPAC vorher abgestimmt oder von der AIPAC initiiert worden.

Um seine große Aufgabe für Israel erfüllen zu können - manchmal in
Zusammenarbeit mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, und
dann wieder ohne ihn - beschäftigt der AIPAC-Direktor ein Team von
emsigen Spezialisten, die ruhig und effektiv seine Anweisungen
ausführen. Dine umreißt klar und präzis seine Strategien und ver-
langt in jeder Hinsicht Disziplin von seiner Mannschaft. Die Auf-
gabe der AIPAC besteht darin, die Politik Israels zu unterstützen -
und sie nicht nach eigenen Vorstellungen zu formulieren. Dazu steht
die AIPAC in täglichem Telefonkontakt mit der israelischen Botschaft,
und Dine trifft sich mindestens einmal in der Woche mit einem ihrer
Diplomaten.

Obwohl die AIPAC - im Vergleich mit anderen jüdischen Organisationen
der USA - nur eine geringe Zahl von etwa 60 festen Mitarbeitern be-
schäftigt, kann sie die Quellen eines über ganz Amerika ausgedehnten
Systems von unbezahlten Aktivisten jederzeit anzapfen. Alljährliche
Mitgliederversammlungen in Washington gehören zu den wesentlichen
Praktiken, um die Anhänger immer wieder von neuem zu motivieren.
Die Teilnehmer solcher Veranstaltungen werden von prominenten ameri-
kanischen und israelischen Sprechern über die anstehenden Probleme
unterrichtet, sie nehmen an Workshops und Seminaren teil und unter-
stützen finanziell die gemeinsame Sache.

Diese Konferenzen werden von unseren bedeutendsten Politikern be-
sucht. Neben dem israelischen Botschafter, sind in dieser Runde die
führenden Beamten des Weißen Hauses und des Außenministeriums,
prominente Senatoren und Mitglieder des Repräsentantenhauses ver-
treten. Auf kürzlichen Versammlungen waren die Senatoren Paul
Laxalt aus Nevada, Joseph Biden aus Delaware, Robert Kasten aus
Wisconsin, Christopher Dodd aus Connecticut, Robert Packwood aus
Oregon, Robert Dole aus Kansas und Daniel Inohouye aus Hawaii
anwesend.

Auch die Spitzenpolitiker des Weißen Hauses sind bei solchen Kon-
ferenzen stets vertreten. So versicherte der damalige Vizepräsident
George Bush den AIPAC-Delegierten, daß die Reagan-Regierung ihren
Kampf gegen den Antisemitismus innerhalb der Vereinten Nationen
fortsetzen werde. Bush kritisierte die Demokratischen Präsident-
schaftskandidaten Walter Mondale, Gary Hart und Jesse Jackson wegen
ihrer "weichen Antisemitismus-Haltung".

Mehr als 1200 Repräsentanten waren zur AIPAC-Nationalversammlung
im Jahre 1983 aus 41 Staaten angereist. Dort hörten sie den New
Yorker Kongreßabgeordneten und Vorsitzenden des Republikanischen
Parteiausschusses, Jack Kemp, der sich selbst als "ein De-facto-
Mitglied der AIPAC" bezeichnete. 43 Mitglieder des Repräsentanten-
hauses und 16 Senatoren waren auf dem Konferenzbankett erschienen.

Art Chotin, Vizedirektor der AIPAC, berichtete auf dieser Konferenz,
daß im abgelaufenen Jahr in zehn verschiedenen Workshops über po-
litische Fragen der "Pro-Israel-Gesellschaft" eine spezielle "Schu-
lung zur Festigung ihres Einflusses" geboten wurde. Weitere zehn
dieser Lehrgänge waren für 1984 geplant. Chotin demonstrierte sodann
die landesweite Wirkung solcher lokalen Ereignisse mit dem Hinweis
auf den Workshop von 1982 in New Mexiko, wodurch der Demokrat Jeffrey
Bingaman in den Senat gehievt worden war. Bingaman, der von Chotin
als "eine starke Pro-Israel-Stimme in Washington" gepriesen wurde,
war einer unter den 100 "Pro-Israel-Bürgern", die an der Veran-
staltung von 1983 teilgenommen hatten.

Straff geplante Workshops werden - im Stil nationaler Konferenzen -
jährlich in allen fünf Regionen durchgeführt. Die Zentren sind
Atlanta, Fort Worth, Hollywood, Des Moines und Chicago. Von dort
aus koordiniert ein Beauftragter dann die jeweiligen regionalen
AIPAC-Aktivitäten. Zur Durchsetzung dieser weitreichenden Programme
unterhält die AIPAC fixe Operationsstäbe in New York, New Jersey und
in Kalifornien.

Chotin berichtete der Konferenz, daß während der Kongreßwahlen 1982
dreihundert Kandidaten "die AIPAC besuchten", um ihre Positionen dar-
zulegen in bezug auf "Auslandshilfe, Waffenverkäufe an arabische
Nationen sowie allgemeine Vorgänge in den amerikanisch-arabischen
Beziehungen."

Verbindungen zu anderen Interessensvereinigungen werden sorgfältig
kultiviert. So wurde die "christliche Annäherung" als neuestes
Programm der AIPAC angekündigt, und Merrie White, ein "wiederge-
borener Christ" wurde als Kontaktmann zur Christlichen Gemeinde
vorgestellt. Chotin zufolge bestand das eigentliche Ziel darin,
"diese (Christen) Gemeinschaft der AIPAC anzugliedern." Dine be-
stätigte die Präsenz von 50 christlichen Vertretern aus 35 Staaten
als Beweis für den Fortschritt, der in dieser Richtung bis dahin
erzielt worden war. Merrie White hatte bei der Organisation des
jährlichen Religiösen-Roundtable-Frühstücksgebetes für Israel
mitgeholfen (siehe 9. Kapitel). Chris Gersten, politischer Di-
rektor der AIPAC, erwarb seine Position, nachdem er sieben Jahre
hindurch dem Präsidenten der Internationalen Union der Betriebs-
ingenieure als Sonderassistent gedient hatte.

Die von der Ostküste bis Kalifornien wirkenden AIPAC-Verbindungen
werden noch durch ein ausgeklügeltes Vortragsprogramm verstärkt.
Allein im Jahre 1982 hatten über 900 Funktionäre, Repräsentanten
und Führungskräfte auf AIPAC-Veranstaltungen gesprochen. Unzählige
Empfänge werden in kleineren Städten organisiert. Bei Schulungs-
gesprächen in den Wohnungen jüdischer Persönlichkeiten wird - als
Aufbesserung der Mitgliedsbeiträge - zu weiteren Geldspenden ani-
miert. Durch soziale Veranstaltungen am Capitol Hill sollen Tau-
sende von Studenten umgarnt werden, die hier als Assistenten in
den Büros von Senatoren und Kongreßmitgliedern arbeiten.

Reiseveranstaltungen nach Israel, die von anderen jüdischen Gruppen
organisiert werden, helfen die Basis zu festigen für das Programm
der AIPAC. Zum Beispiel hatte im April 1982 die Mission junger
Führungskräfte, als eine Aktion des United Jewish Appeal, einwöchige
Reisen für 1.500 Juden aus den USA durchgeführt. "Den Besuchern",
so konstatierte ein führender AIPAC-Mitarbeiter, "wurden die
prachtvollsten Panoramas präsentiert, die sie auch anderswo in der
Welt entdecken könnten." Aber er hob hervor, daß die Reise nach
Israel jedesmal einen unvergleichlichen Eindruck bei den Touristen
hinterläßt: "Die Reise vertieft das Bewußtsein für die gemeinsame
Sache, und die Spendengelder fließen noch reichlicher. Aber der
Höhepunkt für die Sponsoren kommt erst bei der letzten Darbietung.
Er ist erreicht, wenn die Leute aus der Gedenkstätte für den Holo-
caust herauskommen." Der Effekt ist ehrfurchtgebietend: "Die Reise-
begleiter kennen die Reaktionen seit langem", sagte der AIPAC-Repor-
ter. "Sie wissen, welche Register sie ziehen müssen."

Schließlich werden die Einnahmen zwischen der Organisation Ver-
einigter Jüdischer Appell und Israel ehrlich geteilt. Lary
Kraftowitz, ein Washingtoner Journalist, der an einer ähnlichen
Tour teilgenommen hatte, bezeichnete seine Erfahrung als "tief-
gründig". Und er fügte hinzu: "Ich fühle mich (im Gegensatz zur
gegenwärtigen israelischen Regierungspolitik) persönlich mehr zu
den neuen jüdischen Verhandlungszielen hingezogen. Aber ich muß
zugeben, daß ich sehr beeindruckt war."

Solche Reisen werden nicht nur für Juden organisiert. Gouverneure,
Beamte der gesetzgebenden Körperschaften, Gemeinderäte und Publi-
zisten aller Medien wird die Möglichkeit einer kostenlosen Reise
nach Israel geboten. Die Flüge werden landesweit für Politiker aller
Coleurs organisiert, vor allem für jene aus dem Kapitol. Obwohl die
AIPAC nicht als direkter Reiseveranstalter auftritt, fördert sie
dennoch das Programm nach besten Kräften. So hat bereits über die
Hälfte aller Kongreßmitglieder Israel besucht. Ein beachtlicher Teil
meiner Kollegen betrachtete die Reise als dienstliche Angelegenheit,
für deren Kosten der amerikanische Steuerzahler aufkommen mußte.
Mit ein paar Ausnahmen wurden die Unkosten für die restlichen Rei-
senden durch jüdische Organisationen bzw. Einzelpersonen vergütet.

Eine andere Gruppe einflußreicher Washingtoner Funktionäre, die
sich die AIPAC gefügig gemacht hat, bilden die Stabsmitglieder des
Kongresses. Die AIPAC arbeitet mit israelischen Universitäten zu-
sammen, die kostenlose Reisen für bekannte Persönlichkeiten in
Spitzenstellungen organisieren. Diese speziellen Reisen werden im
Rahmen des sogenannten Hal Rosenthal-Programms gefördert. Hal
Rosenthal, der schon bei der ersten derartigen Reise von Palästi-
nensern niedergeschossen wurde, war Stabsgehilfe des früheren Re-
publikanischen Senators Jacob Javits. Bereits 1984 hatten mehr als
50 Stabsmitglieder unseres Kongreßes an den Hal Rosenthal-Ausflügen
nach Israel teilgenommen.

Wenn es darum geht, Gesetzgeber oder Justizbeamte von ihren Reisen
in arabische Länder abzuhalten, so bewährt sich die AIPAC ebenso
erfolgreich wie bei der Lobpreisung israelischer Belange. Als z.B.
die Nationale Arabisch-Amerikanische Vereinigung, die mit dem World
Affairs Council in Amman zusammenarbeitet, 1983 alle US-Kongreßmit-
glieder und deren Ehefrauen zu einem kostenlosen Besuch nach Jorda-
nien mit einem Abstecher zur West Bank einlud, hatte eine Notiz im
AIPAC Near East Report schlagartig die Gäste von der Teilnahme an
dieser Reise abgeschreckt.

In dem Artikel wurde die Frage gestellt, wie Amann - ohne Genehmi-
gung der Israelis - ihre Gäste über den Jordan-Fluß bringen würde,
hinüber zu den Sehenswürdigkeiten auf der West Bank. In diesem Zu-
sammenhang wurde auch Don Sundquist, Republikanischer Kongreßabge-
ordneter aus Tennessee, zitiert. Er hatte angeblich "Angst" ge-
äußert, daß seine Kollegen, die nach Jordanien reisten, "benutzt"
werden könnten für antiisraelische Propagandazwecke. Daraufhin
nahmen nur noch drei Kongreßmitglieder an der Reise teil. Eine
gleiche Veranstaltung, die 1984 stattfinden sollte, war mangels
Interesse abgesagt worden.

Das Erweiterungsprogramm der AIPAC wird durch eine anhaltende Flut
von Publikationen gefördert. Neben Action Alert und dem wöchentlichen
Near East Report, werden auch Positionspapiere und Monografien an
die Leser verteilt, die bestimmte Anworten auf kontroverse Kritiken
enthalten, die durch die Medien verbreitet wurden. Die Leserre-
aktionen, in denen die Kritiker häufig herabgesetzt und mitunter
sogar diskriminiert werden, sind im Sinne Israels natürlich schönge-
färbt.

Die umstrittenste aller Publikationen ist eine sogenannte Feindliste
deren erste Ausgabe im Frühjahr 1983 veröffentlicht wurde. Eine ge-
fällige 154-Seiten-Broschüre - Die Kampagne zur Verleumdung Israels -
beinhaltet eine Aufzählung der Akteure: 21 Organisationen und 39 Ein-
zelpersonen werden von der AIPAC darin als israelfeindlich identi-
fiziert. Unter den Gebrandmarkten befinden sich ehrwürdige Staats-
diener wie der ehemalige Unterstaatssekretär George W. Ball, die
pensionierten US-Botschafter Talcott Seelye, Andrew Killgore, John
C. West, James Akins und der ehemalige Senator James Abourezk. Auf
der 'enemy list' sind auch fünf jüdische Andersdenkende und mehrere
Gelehrte aufgeführt.

In einem von der AIPAC scheinbar getrennten Projekt veröffentlicht
die Anti-Defamation League (ADL) der B'nai B'rith unter dem Titel
Pro-Arab Propaganda in America: Vehicles and Voices nahezu gleich-
zeitig eine eigene Liste mit den Namen ihrer Gegner. Auch diese
Broschüre, in der 31 Organisationen und 34 Einzelpersonen nament-
lich als Feinde Israels abgestempelt werden, wird als Erstveröffent-
lichung bezeichnet. Diese Bücher sind nichts weiter als die berüch-
tigten Schwarzen Listen, die an die schlimmsten Verfolgungspraktiken
aus der McCarthy-Ära erinnern. Eine ähnliche 'enemy list' verwendet
die AIPAC auch im Rahmen ihres Ausdehnungsprogramms auf US-Colleges
und Universitäten (siehe 7. Kapitel).

Durch regelmäßige Aussendungen der Action Alert (Aktion Alarm) wer-
den durch die AIPAC in allen Teilen Amerikas mehr als tausend jü-
dische Führungspersönlichkeiten über anstehende Probleme informiert.
Gebräuchlicherweise werden durch einen Alarm Aktionen ausgelöst,
wodurch bestimmte Forderungen bei den Gesetzgebern im Kapitol durch-
gesetzt werden sollen. Solche Alarm-Aktionen werden in ihrer Wir-
kung durch Telefonanrufe, Telegramme und persönliche Vorsprachen bei
widerspenstigen Kongreßabgeordneten noch verstärkt. Die in allen
Landesteilen gestarteten Appelle führen meistens auch zu unverzüg-
lichen Erfolgen.

Wie dieses Alarm-System funktioniert, konnte ich selbst erleben, als
ich eines Tages einem Kollegen im Ausschuß für Auswärtige Angelegen-
heiten zuflüsterte, daß ich demnächst einen Änderungsantrag für eine
schwebende Gesetzesvorlage einbringen würde, wonach wir unsere Isra-
el-Hilfe kürzen sollten. Innerhalb von 30 Minuten kamen bereits zwei
andere Kongreßkollegen mit besorgten Gesichtern auf mich zu -, sie
hätten wegen meines Antrages aufgeregte Anrufe aus ihren Wahlkreisen
erhalten.

Paul Weyrich, der früher als Senatsgehilfe gearbeitet hatte, bevor er
sich auf dem Gebiet der politischen Analyse betätigte, berichtete
über die Methoden der AIPAC: "Sie haben ein bemerkenswertes System
entwickelt. Wenn Du mit ihnen einer Meinung bist oder in ihrem Sinne
sogar eine öffentliche Erklärung abgibst, verbreiten sie diese Mei-
nung sofort durch ihre eigenen Publikationen und durch zugeneigte
Redakteure überall in den Staaten. Natürlich funktioniert dieser
Kreislauf auch umgekehrt. Wenn Du etwas sagst, das ihnen nicht ge-
fällt, so wirst Du von den gleichen Kräften öffentlich gebrandmarkt
oder zumindest getadelt. Durch diesen Druck von allen Seiten lassen
sich vor allem Senatoren sehr leicht in ihren Vorhaben umstimmen,
vor allem dann, wenn sie selbst unschlüssig sind oder Unterstützung
brauchen."

Diese Aktivitäten werden durch ein sorgfältig errichtetes System von
Offizieren, Komitees und Rechtsanwälten betrieben. Über dieses ver-
traulich gesponnene Netz vermag die AIPAC von einer Küste zur an-
deren ihre politischen Ziele durchzusetzen. Neunzehn Führungspersön-
lichkeiten treffen sich einmal im Monat, um mit Thomas Dine über die
Organisation und das Management der AIPAC zu konferieren. Jeder ihrer
fünf Stellvertreter kann erwarten, in der nächsten Führungsperiode
eventuell selbst als Präsident zu agieren. Ein effektives Exekutiv-
Komitee mit 132 Mitgliedern wird vierteljährlich zu Beratungen nach
Washington eingeladen. In einem gesonderten Nationalen Konzil sind
200 Persönlichkeiten tätig, darunter die Vertreter der bedeutendsten
jüdischen Organisationen der USA.

>>>-----------------------------------------------------------------<<<
>> GIV Mailinglist : http://mailing.giv-seiten.info <<
>>>-----------------------------------------------------------------<<<
http://www.giv-seiten.info/www.giv-archiv.de/2002/Oktober/021031GI.010

>> Kasnazaniya / Casnazaniyyah: http://video.giv-seiten.info <<
>>>-----------------------------------------------------------------<<<
>> Further Informations about Iraq and Palestine: <<
>> <<
>> GIV-Pages Online : http://www.giv-seiten.info <<
>> GIV-Page : http://giv.giv-seiten.info <<
>> Iraq-Page : http://irak.giv-seiten.info <<
>> Jemen-Page : http://jemen.giv-seiten.info <<
>> Jordanien-Page : http://jordanien.giv-seiten.info <<
>> GIV-Archiv : http://archiv.giv-seiten.info <<
>> GIV-Archiv : http://www.giv-archiv.de <<
>>>-----------------------------------------------------------------<<<

* * * * *




If you have any questions, you can contact us: admin#mofeel.net     Spam Report