Verstetigter Konservatismus

von Klaus Rindfrey » Dienstag, 27. Juli 2004



Verstetigter Konservatismus

Von Patrick Schwarz und Andreas Heckert


*Am 22. Mai fand das 7. Berliner Kolleg des neurechten "Institut für
Staatspolitik" in Zusammenarbeit mit der Wochenzeitung "Junge Freiheit"
in Berlin statt. Die Veranstaltung mit dem Motto "Meinungsfreiheit und
Tabu" stand ganz im Zeichen der "Hohmann-Günzel- Affäre" und ihrer
Protagonisten.*

Bereits zum siebten Mal lud das "Institut für Staatspolitik" (IfS) zu
seiner halbjährlichen Veranstaltungsreihe "Berliner Kolleg" nach
Berlin. Etwa 500 Zuhörer trafen sich im Wilmersdorfer "Logenhaus" um
die geladenen Referenten zu hören. Eröffnet wurde die Veranstaltung
von dem Institutsmitbegründer und Kuratoriumsmitglied Götz Kubitschek,
der in seiner Begrüßung die Möglichkeit eines "konservativen
Aufschwungs" erörterte, der aus der Empörung über die "Medienkampagne
gegen Hohmann" im "konservativen Lager" erwachsen könnte. Um jedoch
aus dieser Empörung politisches Kapital zu schlagen, müsse diese
"verstetigt" und "institutionalisiert" werden. Neben dem wenig
überraschenden Vorschlag hierfür das IfS zu nutzen, kündigte
Kubitschek gleichzeitig die Gründung einer Stiftung an. Dieser Schritt
sei notwendig, da die Kapazitäten des IfS aufgrund der großen
positiven Resonanz seit der Institutsgründung im Mai 2000 ausgelastet
seien.

Nachfolgend referierte der ideologische Kopf des IfS, Karlheinz
Weißmann, über "Das Tabu als Machtfrage". Der spröde Vortrag des um
wissenschaftlichen Habitus bemühten Gymnasiallehrers stieß jedoch auf
wenig Begeisterung bei den Anwesenden. Ähnlich befremdlich reagierten
die Zuhörer auf die Ausführung des Alt-68ers und jetzigen Dozenten der
"Freien Universität Berlin", Bernd Rabehl. Der selbsternannte
"Tabubrecher" sprach unter dem Titel "Tabu und Gegenöffentlichkeit"
über die Ambivalenz der "68er", die gegen gesellschaftliche Tabus
angegangen seien, nur um neue zu errichten. Der Chefredakteur der
"Junge Freiheit", Dieter Stein, referierte schließlich über ein
"totalitäres Klima", das "unser Land" fest im Griff habe. Dabei würden
"Persönlichkeiten [...] wie bei einer Art Säuberung erledigt". Stein
nannte unter anderem Martin Walser, Steffen Heitmann, Jürgen Möllemann
sowie die Anwesenden Martin Hohmann und Reinhard Günzel. Fritz Schenk,
ehemaliger Redaktionsleiter des "ZDF-Magazin" und Gründer des Appells
"Kritische Solidarität mit Martin Hohmann", berichtete über die Arbeit
seiner Initiative und von der positiven Resonanz aus der CDU. Einen
Großteil seiner Rede verwendete Schenk jedoch für die Werbung seines
Buches zur "Hohmann-Affäre". Mit frenetischem Applaus begrüßten die
Zuhörer den vermeintlichen Star der Veranstaltung: Martin Hohmann. In
seinem spontanen Beitrag stellte sich dieser als zufälliges Opfer der
Medien dar. Sehr zu Verwunderung der Anwesenden stellte Hohmann klar,
dass er trotz der Entsolidarisierung weiter Teile der CDU seine
politische Heimat weiterhin in der Union sehe. Die hauptsächlich von
persönlichen Befindlichkeiten gekennzeichnete Rede war weitestgehend
frei von politischen Analysen bzw. der Frage nach einer Perspektive
aus der politischen Bedeutlungslosigkeit "konservativer
Positionen". Die auf ihn projizierte Hoffnung einer konservativen
Galionsfigur wollte Hohmann jedoch nicht erfüllen.

Als letzter Redner des "Berliner Kolleg" trat der ehemalige
Brigadegeneral Reinhard Günzel in Erscheinung. Er verlor seinen
militärischen Posten, nachdem Hohmann dessen persönliches
Solidaritätsschreiben Medienvertretern zugänglich gemacht hatte.
Überraschenderweise avancierte Günzel zum größeren Sympathieträger der
Veranstaltung.

Der Schwerpunkt seiner Rede lag auf der Kritik an seinen ehemaligen
Offizierskollegen und der "mangelnden Kameradschaft" in der
Bundeswehr. Neben Ausführungen über Offiziersethos und Korpsgeist
machte Günzel zwei Übel in unserer Gesellschaft aus, das
"Krebsgeschwür >Political Correctness<", in dessen Namen "Geschichte
gefälscht und Recht gebeugt" würde sowie die vielen "Tabus" und "all
diese Denkverbote", durch die es unmöglich sei "historische Wahrheiten
auszusprechen und zu diskutieren". Günzel beließ es nicht bei diesen
Andeutungen und nannte konkret den "Zwang, der 'Singularität des
Holocaust' unsere Reverenz zu erweisen" und "die Verpflichtung, die im
Nürnberger Prozeß von den Siegermächten getroffenen Feststellungen auf
alle Zeiten anzuerkennen". Dies alles sei "eine Beleidigung für jeden
aufgeklärten Menschen" und bedeutet "das geistige Todesurteil für jede
Gesellschaft". Im Gegensatz zu seinen Vorrednern traf Günzel damit den
Geschmack seiner Zuhörer, die es ihm mit tosendem Applaus dankten.

Neben den Referenten war das aus überwiegend älteren Herren bestehende
Publikum mit einer Reihe "Prominenter" des konservativen und rechten
Lagers gespickt, u.a. Ernst Nolte, Heinrich Lummer und Johannes Rogalla
von Bieberstein. Aber auch Republikaner, DVU-Mitglieder, farbentragende
Burschenschafter, "Junge Freiheit"-Redakteure und Mitglieder
soldatischer Verbände waren im Saal vertreten. Von dem von Götz
Kubitschek erhofften "konservativen Aufschwung" war jedoch wenig zu
spüren. Stattdessen assistierten sich die Redner im gegenseitigen
Bedauern der Wirkungslosigkeit ihrer konservativen Standpunkte im
öffentlichen Diskurs und Hohmann beklagte gar das Fehlen einer
Führungsfigur im konservativen Lager. Dennoch war das 7. "Berliner
Kolleg" für das IfS ein Erfolg. Allein die aufgebotenen Referenten und
der unerwartet große Publikumszuspruch dürften einige der Anwesenden
beeindruckt haben. Dass dieser Erfolg jedoch bald wiederholt werden
kann, ist unwahrscheinlich.

(DER RECHTE RAND, No. 89, Juli/Aug. 04)



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