Zur Verspiesserung der deutschen Punkszene

von Klaus Rindfrey » Freitag, 21. Januar 2005



Lautsprecher der Mehrheit
Zur Verspießerung der deutschen Punkszene

Der Protest der frühen Punkbewegung war Ausdruck des Lebensgefühls
einer Generation, die der Erbärmlichkeit des Alltagslebens mit Spott
und Verachtung begegnete. Punk war die Verweigerung einer durch die
gesellschaftlichen Institutionen vorgefertigten eigenen Zukunft. War
das Handeln der Protestbewegung der 60er Jahre noch auf die
Veränderung der Gesellschaft gerichtet, fehlte den Punks der
Optimismus, der die Aktivitäten der Studenten gekennzeichnet hatte.
Statt auf die Zerstörung der als unerträglich empfundenen Verhältnisse
hinzuwirken, präsentierte sich die Punkbewegung selbst als Ausdruck
der gestörten Verhältnisse. Die Punks stilisierten sich zu
gesellschaftlichem Abschaum, zu menschlichem Abfall: Mülltüten und
Lumpen wurden zu Bekleidungsgegenständen umfunktioniert,
Sicherheitsnadeln, Hundehalsbänder, Rasierklingen usw. als schmückende
Accessoires benutzt. Die Protagonisten der frühen Punkbewegung setzten
sich nicht mehr der Alternative "Sozialismus oder Barbarei" aus; sie
lebten in dem Bewußtsein, daß diese Frage längst beantwortet war.
Unter dem Eindruck der Integration der Protestbewegung der 60er Jahre
in die Gesellschaft, dem man mit dem zentralen Slogan "Never trust a
Hippie" Ausdruck verlieh, hatte sich Punk mit der Unveränderlichkeit
der Zustände zwar abgefunden, sich aber nicht mit ihnen arrangieren
wollen. Statt gute Miene zum bösen Spiel zu machen, lieferte die
Punkbewegung die "Soundtracks zum Untergang" - so der Titel einer
beliebten deutschen Samplerreihe. Punk gewann seine Energie vor allem
aus dem Vergnügen an einer konsequenten Anti-Haltung, die sich dem
Ethos und der Gesinnung gesellschaftlicher Mehrheiten aus Prinzip
verweigerte. Unter der Voraussetzung, sich weder rechts noch links zu
verorten, bezog Punk seine Legitimation daraus, den Bürgern permanent
die Sinnlosigkeit und Erbärmlichkeit ihrer eigenen Existenz vor Augen
führen zu wollen.

In eben dieser Form wurde Punk von den Bürgern verstanden: Sie
erkannten in der Ansammlung von Müll, der inszenierten Asozialität und
dem demonstrativen Kaputtsein der Punks, kurz: im Slogan "No Future",
sich selbst - bzw. das, was immer mühseliger hinter Fassonschnitt,
Kleinwagen und Eigentumswohnung versteckt gehalten wurde - wieder. Mit
ihrer Selbstinszenierung als wertlose Abfallprodukte persiflierten die
Punks einen Zustand, in dem sich die Menschen in entbehrliche, wirr
vor sich hin brabbelnde Witzfiguren verwandelt hatten; im Müll-Fetisch
der ersten Punkgeneration spiegelte sich die Unbrauchbarkeit der Welt
für die Menschen wider; und die Selbstverstümmelung durch
Sicherheitsnadeln usw. war das Punkrock-Pendant zu Deformationen, die
tagtäglich im Eheleben der Eltern, in ihrem persönlichen Umgang
miteinander oder ihren heimlichen Marotten zu beobachten waren. Die
Punkbewegung ließ die Bürger vor sich selbst erschrecken, ohne daß
diesem Erschrecken die Erkenntnis der eigenen Asozialität, Deformation
und Entbehrlichkeit gefolgt wäre. Ihren Haß richtete sie stattdessen
gegen die Überbringer der Nachricht, welche als wertloser Menschenmüll
und Abschaum begriffen wurden, den sie am liebsten aus dem Straßenbild
entfernt hätten. Punk war insofern kein Gegenbild zu den etablierten
Lebensentwürfen, Wertvorstellungen und Umgangsformen; Punk war
vielmehr zugleich Ablehnung und ästhetische Entlarvung des elterlichen
Lebens, Symbol für das Scheitern ihrer Erziehungsbemühungen und
zugleich Absage an einen positiven Gegenentwurf. Es ging nicht mehr
darum, durch schonungslose Entkleidung der gesellschaftlichen Zustände
zu ihrer Überwindung beizutragen, sondern sich gleichermaßen der
familiären Tradition wie auch dem zukunftsfrohen Utopismus der Linken
zu entziehen.


"Into the Future"

In der ersten Hälfte der 80er Jahre änderte sich dies jedoch. Punk
wurde - insbesondere in Deutschland - plötzlich optimistisch,
"positiv", "politisch" und "kämpferisch". Der Slogan "No Future" wurde
in "Into the Future" umgewandelt, und die populäre Hamburger Band
Slime forderte: "Schluß mit Eurem No-Future-Scheiß". Ein Teil der
Bewegung, der später als Hardcoreszene bezeichnet wurde, stellte dem
offensiven Kaputtsein und der demonstrativen Verletzlichkeit des
frühen Punk kurzhaarige, durchtrainierte und sportlich gekleidete
junge Männer entgegen. Andere behielten zwar den Punkrock-Look bei,
wandelten sich aber in sogenannte Politpunks und übernahmen die
infantile Welterklärung der Hausbesetzer- und Autonomenszene. Indem
sie deren politisches Programm vertonten, verabschiedeten sie sich
zugleich von der Selbstironie und der Destruktivität des frühen
Punk. Die Songtexte waren entsprechend vom moralisierenden Niveau von
Gruppen wie "Ton Steine Scherben" und deren Nachahmern nicht mehr zu
unterscheiden. Entsprechend volksnah agitierten beispielsweise Slime,
die sich sukzessive in den Dienst der Linken stellten, gegen "sie da
oben in ihren Palästen", die "Poker um die Welt" spielten.
Politpunkbands, die textlich oftmals gar nicht mehr weit von den
Altvorderen des Protestsongs der 60er Jahre entfernt waren,
entblödeten sich Anfang der 80er Jahre noch nicht einmal, mit
sogenannten Liedermachern zusammen aufzutreten. Gruppen wie
Toxoplasma, Normahl, Hass, Chaos Z oder eben Slime lieferten gemeinsam
mit Hannes Wader, Franz-Josef Degenhardt und den Bots die Begleitmusik
für die Aufmärsche der Friedens- und Anti-Atomkraftbewegung.

Punk's not dead?

Über Umwege erfolgte so eine Annäherung an jenen penetrant positiven
gesellschaftlichen common sense, gegen den die frühe Punkbewegung mit
gutem Grund angetreten war. Wenn es den Punks trotz dieser Anbiederung
an den Mainstream weiterhin gelang, den Volkszorn auf sich zu ziehen,
dann liegt das an ihrem weiterhin gebrochenen Verhältnis zur
Volkstümlichkeit, und dem daraus resultierenden Bedürfnis, sich
gelegentlich in gar nicht so konstruktiven Ausbrüchen Luft zu machen.
So fabrizierten Slime nicht nur stammtischkompatible Lynchaufrufe
gegen "Bonzen" oder Oden an die Freude darüber, daß "wir viele" seien,
die etwas gegen die "Yankees" hätten ("Yankees raus"). Zugleich
agitierten sie gegen Law and Order ("Legal, illegal, scheißegal"),
Neonazis ("Nazis raus") und die Grausamkeiten des Alltagslebens ("Das
kotzt mich an"). Andere Bands stellten ihren antiamerikanischen
Haßpredigten Lieder gegen Arbeitswahn (Canal Terror: "Lieber'n Bauch
vom Saufen, als'n Buckel vom Arbeiten"), faschistoide Spießer oder die
Verdrängung der NS-Vergangenheit zur Seite.

Spätestens seit den 90er Jahren ist diese Zwiespältigkeit des
deutschen Politpunks jedoch ideologischer Eindeutigkeit gewichen.
Mittlerweile sind nicht mehr nur der Haß auf "Bonzen", "Spekulanten"
und "Multis", die traditionelle Bierseligkeit und Unternehmungen wie
die Anarchistische Pogo Partei Deutschlands (APPD), welche sich nur in
Nuancen von einem deutschen Karnevalsverein unterschied, mit der
deutschen Mehrheitsmeinung kompatibel. In den 90er Jahren haben auch
diejenigen Momente des Punk ihren provokativen Charakter verloren, die
lange Zeit auf gesellschaftliche Ablehnung stießen: Ihre Gegnerschaft
zu den Neonazis als notorische Volksschädlinge teilen die Punks
spätestens seit dem Sommer 2000 mit der Mehrheit der Deutschen. Der
kritische Verweis auf die nationalsozialistische Vergangenheit -
"wegen Auschwitz" - ist zur Legitimationsgrundlage deutscher
Außenpolitik geworden. Und die Agitation gegen "Spießer", "geplante
Biographie" und lebenslange Ehe hat in der Zeit von "Flexibilität",
"Nonkonformismus", "Lebensabschnittsgefährten" und "gebrochenen
Lebensläufen" (Trittin, Fischer usw.) mehr staatstragenden denn
provokativen Charakt

Punk ist immer mehr zum unkritischen Abbild deutscher Zustände
geworden und hat sich vor diesem Hintergrund zu einer etablierten
Institution erlaubten Distinktionsgewinnes gemausert. Die
traditionellen deutschen Moralvorstellungen und Umgangsformen, gegen
die Punk in Deutschland antrat, sind weitgehend Anachronismus. Der
rauhe Umgangston dagegen, der in der Punkszene aus Gründen der
Abgrenzung gepflegt wurde, ist mittlerweile selbst im
TV-Vormittagsprogramm erwünscht, wo er ironisiert und bejubelt
wird. Darüber hinaus bekennen sich Jugendliche wie Erwachsene in
Zeitgeistmagazinen und Talkshows stolz dazu, nur als selbstinszenierte
Außenseiter und bunte Vögel etwas "wert" zu sein, wie am Trash-Style,
Body-Piercing usw. deutlich zu sehen ist. Diese Annäherung in der Form
ist gleichwohl die Umkehrung dessen, was die frühe Punkbewegung
intendierte: Statt sich als wertloser Müll zu präsentieren, um andere
vor sich selbst erschrecken zu lassen, inszeniert man sich heute als
Edel-Müll, um noch etwas Distinktion und damit gesellschaftliche
Anerkennung zu erhaschen. Die Vorformen dieses Prozesses
individualisierter Anpassung umschrieb Wolfgang Pohrt 1973: "Die nur
als Kritik richtige Erkenntnis, ein jeder sei einstweilen ein armer
Teufel, dumm und unterdrückt, führt nicht mehr zu verletztem Stolz und
wütendem Aufbegehren, sondern sie wird schamlos breitgetreten und als
beglückendes Erlebnis einigender Verbundenheit in gemeinsam ertragener
Unterdrückung genossen." (1) Das freimütige Einbekenntnis der eigenen
Nutz- und Wertlosigkeit macht die ästhetische Entlarvung durch Punk
überflüssig. Doch statt Einsicht in die eigene verfahrene Situation zu
zeigen und entweder neue Wege der Provokation zu beschreiten, oder
einfach den Laden dicht zu machen, beschreitet Punk längst den
entgegengesetzten Weg: Je mehr die Punks sich dem gesellschaftlichen
Mainstream annähern, um so mehr halluzinieren sie die eigene
konformistische Position als eine von volksfeindlichen Außenseitern
und Störenfrieden.


Lautsprecher der Mehrheit

Im Verhältnis zur Bevölkerungsmehrheit spielt der deutsche Politpunk
inzwischen jene avantgardistische Rolle, von der die K-Gruppen der
70er Jahre nur träumen konnten: Er ist die Speerspitze einer
Volksbewegung. Während der Haß auf die USA und Israel in den
bürgerlichen Medien zumeist noch - wenn auch immer liebloser -
kaschiert wird, lassen Punkrockbands und -magazine längst die Sau
raus. Vor allem nach 9/11, im Verlauf des Afghanistan- und
Irakkrieges, wurde die Punkszene zum Lautsprecher des deutschen
Mehrheitsempfindens: Punkkonzerte verwandelten sich in faschistoide
Gemeinschaftserlebnisse, bei denen Fäuste gereckt, "Amis raus!" und
"Fuck Bush!" gerufen wurde. Punks uniformierten sich mit T-Shirts, die
das Konterfei George W. Bushs und die Aufschrift "International
Terrorist" trugen. Und die Plattenfirma Impact brachte einen
Anti-USA-Sampler mit dem Titel "Peace Attack" heraus, auf dem die
Slime-Nachfolger Rubberslime "Yankees raus" fordern, Destruction "Fuck
the USA" skandieren und Oi Polloi "George Bush, Fuck you" anstimmen
durften. Insbesondere das /Plastic Bomb/ (PB), neben dem /Ox-Fanzine/
das größte deutsche Punkmagazin (Auflage bis zu 10.000 Exemplare),
entwickelte sich zum antiamerikanischen Kampfblatt, in dem
Kolumnisten, Interviewer und Rezensenten im Vierteljahrestakt ihre
Aufnahmeanträge in die Volksgemeinschaft formulierten.

Zwar wiesen Herausgeber und Mitarbeiter des Magazins nach 9/11
regelmäßig darauf hin, daß sie den Islamisten der Al Quaida keine
Sympathien entgegenbrächten. Sie ließen jedoch keinen Zweifel daran,
daß die Attentäter die eigentlichen Opfer, die Amerikaner die
eigentlichen Täter seien: "Tja," so erklärte einer der Redakteure kurz
nach den Anschlägen, "wie schreiben einige PDSler aus Hamburg in einem
Flugblatt: 'Sowas kommt von sowas'. Geschmacklos" Finde ich gar
nicht." (PB 37, S. 5) (2) Man müsse, wie ein weiterer Autor
behauptete, zugeben, daß der Anschlag auf das World Trade Center
"durchaus kein überraschendes, grausames Phänomen ist, sondern daß es
sich hier nur um die logische Konsequenz, bezogen auf das arrogante
und ungerechtfertigte Law-and-Order Verhalten der USA handelt". (Ebd.,
S. 69) Für den Haß auf die Vereinigten Staaten, so wurde das Massaker
schließlich in derselben Ausgabe weiter legitimiert, gebe es "tausend
und einen Grund": "Zu arrogant" sei der "Weltpolizist" in den letzten
Jahren aufgetreten, "zu respektlos behandelte er alles, was nicht
amerikanisch ist". (ebd., S. 56)

Für dieses "arrogante Auftreten" hatten die Mitarbeiter des Magazins
auch gleich die passende Bezeichnung parat: Faschismus. Ebenso wie in
der restlichen Punkszene - Rubberslime etwa setzten die USA in einem
ihrer Lieder in den Kontext von "SS, SA" - wurden die Vereinigten
Staaten nach dem 11. September auch im /Plastic Bomb/ regelmäßig mit
dem Dritten Reich verglichen. Ein Bild des kalifornischen Gouverneurs
Schwarzenegger wurde neben einem NS-Propagandaplakat platziert (PB 45,
S. 31), der Krieg gegen Afghanistan mit der Formel "auf dem Weg zum
Endsieg" umschrieben (PB 40, S. 5); und die Vernichtungswünsche der
Islamisten auf die USA projiziert: Die Vereinigten Staaten würden die
"Vernichtung der irakischen Bevölkerung" planen (ebd., S. 5),
gefangene Taliban seien in ein "amerikanisches KZ" eingeliefert
worden. (PB 38, S. 5)

Während die Mitarbeiter der großen deutschen Tageszeitungen und
Magazine nach 9/11 immer wieder behaupteten, ihre amerikafeindliche
Hetze sei kein Antiamerikanismus, sondern legitime Kritik der
derzeitigen US-amerikanischen Politik, verzichteten die Mitarbeiter
des /Plastic Bomb/ ganz avantgardistisch auf entsprechende Floskeln.
Im Vorwort zu einem Interview mit der Politband Anti-Flag, die in der
amerikanischen Antikriegsbewegung aktiv ist, empörte sich der Autor
darüber, daß die Band ihre damalige LP mit dem Slogan: "Anti-Flag
means not Anti-America" bewarb. Von dieser Stellungnahme war der Autor
zunächst "irritiert" und erklärte schließlich: Wäre dieses Statement
nach 9/11 formuliert worden, "wäre die Band hundert pro von mir schon
beerdigt gewesen". (PB 37, S. 18 f.) Auch andere Mitarbeiter des
Blattes waren nicht mehr bereit, einen Unterschied zwischen
Amerikakritik und Antiamerikanismus bzw. der amerikanischen Regierung
und der amerikanischen Bevölkerung zu machen - eine Sichtweise, die
sich im restlichen Deutschland erst mit der Wiederwahl George W. Bushs
endgültig durchsetzte. Die notwendige Auflehnung gegen die Politik der
USA, so verkündete ein Autor in der Sommerausgabe 2003, "betrifft aber
auch ganz klar den Umgang mit den normalen amerikanischen
Bürgern. Klar, nur weil man Ami ist, heißt das noch lange nicht, daß
man automatisch die Linie der Bush-Regierung teilt, aber es gibt auch
in der Punk Szene genügend Leute aus den Staaten, die genau diese
Linie teilen." (PB 43, S. 5 f.)

Wenn im /Plastic Bomb/ überhaupt Kritik an der antiamerikanischen
Hetze innerhalb der Punkszene geäußert wurde, dann lediglich aufgrund
der mangelnden Konsequenz der entsprechenden Aussagen: "Ach fuck," so
erklärte ein langjähriger Mitarbeiter in der Sommerausgabe 2004,
"jedenfalls fangen die Anti-Bush-Shirts und Anti-Bush-Aufkleber und
Anti-Bush-Kopfkissenbezüge, die sich in 'unserer Szene' immer noch so
großer Beliebtheit erfreuen, langsam an mir auf die Nerven zu gehen."
Denn: "Das ist einfach zu wenig..." (PB 47, S. 4)


Haßobjekt Israel

Neben ihrem "arroganten Auftreten" und der "Law-and-Order-Politik"
warfen die Mitarbeiter des /Plastic Bomb/ und die zahlreichen
Interviewpartner des Magazins den USA nach 9/11 vor allem die
Unterstützung Israels vor. Der jüdische Staat, so wurde in der
Winterausgabe 2001/2002 erklärt, "wird von den USA mit Waffen
vollgepumpt, um ein Bein im Nahen Osten stehen zu haben. Und mit
diesen Waffen werden Palästinenser ermordet und von dem Land
vertrieben, welches ihnen rechtmäßig zusteht." (PB 37, S. 57)

Einzelne Autoren des Magazins betonten zwar gelegentlich, daß sie das
Existenzrecht Israels anerkennen. Auch die Selbstmordattentate, so
wurde von Zeit zu Zeit ausgeführt, seien "durch nichts" zu
rechtfertigen. Diese Äußerungen waren jedoch lediglich Zugeständnisse
an die aktuelle linksdeutsche Diskussionskultur, in der Israel
bekanntlich um so freier und vehementer angegriffen werden kann, wenn
zuvor ein formales Bekenntnis zu seinem Existenzrecht erfolgt ist. So
ergänzten Autoren des /Plastic Bomb/ ihre Kritik der
Selbstmordattentäter nicht nur sofort um die Erklärung, daß die
Suicide Bombers "oft genug selbst Opfer" seien. (PB 39, S. 5) Auch dem
Bekenntnis zum Existenzrecht Israels folgte prompt der Hinweis, daß
dieses Recht selbstverständlich nur zeitlich begrenzt sei: "Ich möchte
aber noch anmerken," so erklärte ein Redakteur, "daß ich den Satz
eines freiwilligen Plastic-Bomb-Mitarbeiters, Israel sei wirklich der
letzte Nationalstaat, der aufgelöst werden sollte, nur unterschreiben
kann." (PB 45, S. 102) Wenn der Autor der israelischen Politik an
gleicher Stelle "völkische Züge" unterstellt und bei anderer
Gelegenheit behauptet, die Regierung Sharon sehe "zwischen der Führung
eines Staates und der eines gutgehenden Metzgereibetriebes
(wahrscheinlich) keine nennenswerten Unterschiede" (PB 39, S. 5), wird
eines deutlich: Die Erklärung, Israel sei der letzte aufzulösende
Nationalstaat, deutet mittlerweile weder auf eine Gegnerschaft zum
Antizionismus hin, noch verweist sie auf den Umstand, daß Staaten im
Falle des Kommunismus überflüssig würden. Anscheinend soll mit dieser
Formel den Feinden Israels vielmehr bedeutet werden, daß die
Vernichtung des jüdischen Staates nicht ad acta gelegt, sondern
vorerst lediglich nach dem Motto: "aufgeschoben ist nicht aufgehoben"
vertagt worden sei.

Verglichen die Mitarbeiter des Blattes bereits die USA regelmäßig mit
dem Dritten Reich, setzten sie Israel geradezu zwanghaft mit dem
Nationalsozialismus gleich. "Israelische Möchtegern-Faschisten", so
wurde behauptet, würden auf ein "Palästinenserfreies Palästina"
hinarbeiten (PB 42, S. 5); eine israelsolidarische Band -
bezeichnenderweise keine wirkliche Punkrockband - wurde in einem
Interview scheinheilig gefragt, warum Sharon denn nicht als Faschist
bezeichnet werden dürfe (PB 40, S. 110); und auch kurze Ausführungen
über die russische Tschetschenien-Politik dienten vor allem dem Zweck,
Israel zu denunzieren. So wurde bezüglich des russischen Vorgehens in
Tschetschenien zunächst behauptet, die Regierung Putin beabsichtige
eine "Endlösung des Problems", um folgende Frage hinzuzufügen: "Kann
Herr Sharon hier noch etwas lernen"? (PB 41, S. 5)



Aus Liebe zu Deutschland

Die Vergleiche der israelischen mit der nationalsozialistischen
Politik sowie die Faschismusvorwürfe an die USA verdeutlichen, daß
sich die Protagonisten der hiesigen Punkszene dem deutschen Volk
stärker verbunden fühlen als das traditionelle Wettern gegen "Spießer"
vermuten ließe. Nicht etwa aus Ablehnung des Volkes bekennt man
allenthalben seine Abneigung gegen den "Scheißstaat", sondern um die
staatliche "Unterdrückung des Volkes" anzuprangern. Zwar wird
innerhalb der deutschen Punkszene nach wie vor kritisiert, daß nach
1945 kein Bruch mit dem Nationalsozialismus stattgefunden hat; auch
die Parole "Deutschland verrecke!" erfreut sich weiterhin großer
Beliebtheit. Doch Deutschland ist für Punks nicht der Volksstaat, der
genauso zu bekämpfen sei wie der von ihm ausgehende Pazifismus und
Antiimperialismus. Wie die Lektüre zahlreicher Punk-Magazine, LP-, EP-
und CD-Booklets zeigt, basiert die Parole "Deutschland verrecke" kaum
auf der Abscheu vor der Volksgemeinschaft und ihrem mörderischen
Selbstfindungsakt - Auschwitz und das Zusammenspiel von Mob und Elite
werden in den Anti-Deutschland-Liedern der einschlägigen
Politpunkbands zumeist nicht thematisiert. Deutschland soll, wie aus
den entsprechenden Texten zu erfahren ist, vor allem "verrecken", weil
"Multis" das Land regierten, "Bonzen" gegen die Interessen des Volkes
agierten, Steuern verschwendet würden und die "kleinen Leute" der
Willkür von Beamten und Spekulanten ausgesetzt seien. (3) Als hätte es
seit 1968 keine Veränderung gegeben, beschränkt sich die
Auseinandersetzung mit Deutschland wie zu Zeiten der ersten
Punkgeneration - die durchweg negative Erfahrungen mit dem
Vernichtungs- und Strafbedürfnis ihrer Familienmitglieder, Nachbarn
und Kollegen ("Euch sollte man vergasen!", "Ab ins Arbeitslager!"
usw.) machen mußte - in der Regel auf das empörte Aufzeigen
personeller Kontinuitäten im Justiz-, Polizei- und Verwaltungsapparat.


Deutscher Kulturkampf

Die Verbundenheit mit der Heimat spiegelt sich jedoch nicht nur im
hartnäckigen Bedürfnis wider, die deutschen Verbrechen durch
Vergleiche Israels bzw. der USA mit dem Dritten Reich zu relativieren.
Auch in Kommentaren zu tagespolitischen Ereignissen finden sich
schlecht getarnte Bekenntnisse zum Vaterland: So empörte sich ein
Mitarbeiter des /Plastic Bomb/ im Herbst 2002 - ohne dafür in den
Leserbriefspalten oder in anderen namhaften Punkrock-Fanzines
kritisiert zu werden - zunächst über den Bau einer "superschnelle(n)
S-Bahn für superreiche Sonst-BMW-Fahrer" und erklärte dann im Stil der
Initiative Pro-DM: "Man muß doch wirklich kein Genie sein, um zu
erkennen, daß man mit den 10 Milliarden für den Metrorapid einiges
bewirken könnte, was dieses Land voranbringen könnte." (PB 40, S. 6)
Ein anderer Mitarbeiter des Magazins erlebte im Verlauf des
Irakkrieges ein regelrechtes politisches Coming Out: "Auch wenn ich
die Politik der Bundesregierung oft für totalen Mist halte," so
formulierte er im Frühjahr 2003, "rechne ich es Schröder hoch an, daß
er sich offen gegen das Kriegstreiben der USA ausgesprochen hat." (PB
42, S. 5) In der folgenden Ausgabe wurde diese Zustimmung zur
deutschen Außenpolitik noch einmal bekundet und um eine Klage über die
vermeintliche Bedeutungslosigkeit Deutschlands auf der weltpolitischen
Bühne ergänzt: "Willkommen zur neuen Weltordnung, in welcher
Deutschland nur noch zum Spielball degradiert vorkommt. So sehr mir
die bundesdeutsche Regierung auch auf die Nüsse geht, bin ich zum
ersten Mal froh, daß Schröder und Co. standhaft geblieben sind und
nicht mit in den Krieg gezogen sind." (PB 43, S. 5)

Wenn sich Autoren des /Plastic Bomb/ schließlich über eine
vermeintlich amerikanische "Fassadenmalerei, hinter der sich kaum
Inhalt und Tiefe befindet" (PB 37, S. 58), beschweren, dann geschieht
das nicht allein aus der Überzeugung heraus, daß Deutschland den
Vereinigten Staaten aufgrund "amerikanischer Kulturlosigkeit" auf
moralischer Ebene haushoch überlegen sei. Sie fühlen sich den
Amerikanern auch in intellektueller Hinsicht weit voraus: "Wir in
Europa, vor allem in Deutschland (sic!)", so faßte eine
Interviewpartnerin des Magazins diese Auffassung noch einmal zusammen,
"sind viel kritischer und politischer als die Amis." (PB 40, S. 93)

Im Sommer 2003 ergänzte ein Plastic-Bomb-Autor diesen Größenwahn um
die dazugehörigen Verfolgungs- und Unterwanderungsängste: "Mich wurmt
es schon seit Jahren, daß man in Deutschland den Ami-Bands von vorne
bis hinten in den Arsch kriecht, weil ja Ami-Punk angeblich so
megageil ist. (...) Habt Ihr Euch schon mal gefragt, was die Amis
daran interessiert, hier in Deutschland zu sein. Außer 'having a good
time' kommt da meistens nicht viel rüber. Man spricht hierbei über den
'amerikanischen Kultur-Merchantilismus' (sic!), das bedeutet, daß der
Kulturaustausch nur in eine Richtung stattfindet, von den USA nach
Europa, aber nichts geht zurück im Austausch." (PB 43, S. 6) Bei einer
solchen Ungerechtigkeit fällt auch dem deutschen Punkrocker nur noch
der Ruf nach dem Staat und neuen Gesetzen ein: "Da finde ich es
hervorragend, wie die Franzosen mit diesem Thema umgehen. Dort ist es
gesetzlich geregelt, daß man von der Ami-Kultur nicht erschlagen
wird. Die Franzosen sind mir in dieser Hinsicht sehr sehr angenehm,
muß ich ganz klar und deutlich sagen." (ebd.) Deutsche Punkrocker
entpuppen sich damit als ordinäre Kämpfer für die Reinhaltung der
deutschen Kultur; ihr bisweilen vorgetragenes "Deutschland verrecke!"
ist lediglich das Resultat der Enttäuschungen, Mißverständnisse und
Eifersüchteleien, die jede leidenschaftliche Liebesbeziehung von Zeit
zu Zeit zu überstehen hat.

Conservative Punk

Während innerhalb der deutschen Punkrock-Community nahezu einhellig
gegen das amerikanische Engagement im Irak agitiert wird und die
Anschläge vom 11. September als legitime Reaktion auf das Verhalten
der Vereinigten Staaten gewertet werden, bietet die US-amerikanische
Punkszene kein Bild freiwilliger kollektiver Gleichschaltung. Zwar
wird die Politik der USA auch dort einer vehementen Kritik unterzogen:
Zahlreiche namhafte Bands beteiligten sich an einer Konzerttour mit
dem Titel "Rock against Bush", steuerten Lieder zu einem gleichnamigen
Sampler bei und engagierten sich in der Initiative Punkvoter
(www.punkvoter.com) für die Abwahl George W. Bushs. Auch finden sich
in Stellungnahmen, Interviews und Liedern verschiedener
Punkvoter-Mitglieder Forderungen nach dem Staat als Krisenmanager,
Rechtfertigungen der Anschläge vom 11. September und Vergleiche der
amerikanischen Politik mit dem Nationalsozialismus. (4) Mit
Conservative Punk existiert jedoch auch eine Initiative, die den
Ressentiments und den Anti-Bush-Statements der Punkvoter
entgegentritt. Conservative Punk - nach eigenen Angaben die "right
side of punk" - hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Gerüchte und
Verschwörungstheorien innerhalb der Punkszene mit Fakten zu
konfrontieren. Anders als in deutschen Punkrockmagazinen regelmäßig
unterstellt wird, ist Conservative Punk keine rechtsradikale
Initiative. Der überaus heterogene Zusammenschluß erinnert in seiner
Kombination aus liberalem und klassisch wertkonservativem Denken
vielmehr an die amerikanischen Neocons. Auf der Homepage der
Initiative (www.conservative­punk.com) findet sich entsprechend auch
jede Menge reaktionären Schunds. So wurde die gleichermaßen
staatssozialistische wie wirtschaftsliberale Unmenschen-Losung, "wer
nicht arbeitet soll auch nicht essen" (Lenin) in penetrantem
Infantilsprech als "no workie, no foodie!" ausgegeben, Klagen über
"Werteverfall" und "Amoralität" veröffentlicht und antikommunistische
Stellungnahmen präsentiert - es kann u.a. ein T-Shirt erstanden
werden, auf dem das Gesicht Lenins, die Aufschrift "Commie" und die
Forderung "Not in my Country" abgebildet sind. Andererseits
distanzieren sich die Conservative Punks jedoch auch deutlich von der
christlichen Rechten um Pat Buchanan, beziehen klar Stellung gegen
Kollektivismus und Etatismus, unterstützen die Studentenbewegung im
Iran - eine Benefiz-CD ist in Planung - und bekennen sich emphatisch
zu Individualität und pursuit of happiness: "Ich glaube nicht", so
schildert ein Mitglied der Initiative seine Vorstellungen von "good
governance", "daß die Regierung in den persönlichen Angelegenheiten
der Bürger ein Mitspracherecht haben sollte, solange sie niemandem
Schaden zufügen. Ich glaube, die Regierung sollte zwei Aufgaben haben,
1) unsere nationale Sicherheit aktiv verteidigen, und 2) die Bürger
davon abhalten, die privaten und ökonomischen Freiheiten anderer zu
verletzen." (www.conservative­punk.com)

Der emphatische und zugleich naive Bezug auf das "Prinzip Amerika"
läßt die Conservative Punks die Ursachen des weltweiten Hasses auf die
Vereinigten Staaten zumindest erahnen: "Was die Idee Amerikas so
wundervoll macht", so ihr Sprecher Michael Graves, der ehemalige
Sänger der Horrorpunk-Legende Misfits, "ist die Tatsache, daß alles
möglich ist. (...) Wir sind das Ideal. Wir sind Utopia. Wir sind näher
am Paradies, als sie jemals sein können. Näher als vielen bewußt
ist. Und dafür hassen sie uns." (Ebenda) Mit dieser Erkenntnis haben
die Conservative Punks der Mehrzahl aller Amerikaexperten - und erst
recht der deutschen Punks - eine wichtige Einsicht voraus: Die
Vereinigten Staaten werden weniger aufgrund ihres konkreten
außenpolitischen Engagements angefeindet. Sie werden vielmehr gehaßt,
weil das "Prinzip Amerika" für seine Feinde die Absage ans Kollektiv
und den individuellen Verzicht symbolisiert. Zwei Kolumnisten der
Initiative traten den pazifistischen Hirngespinsten der Punkvoter und
ihren offen antiamerikanischen deutschen und islamischen Freunden so
entgegen: "We face mass death brought to us from radical thinking
people bent on a mission from God that will stop at nothing to destroy
us." (Ebenda)

Es verwundert kaum, daß das Conservative-Punk-Movement zu einem der
zentralen Haßobjekte einer deutschen Punkszene geworden ist, die sich
dem vorherrschenden gesunden Volksempfinden nahezu vollends
unterworfen hat. Im /Ox-Fanzine/ wurde unter den Ãœberschriften
"Americans are stupid" bzw. "Und noch ein dummer Ami-'Punk'" über die
Initiative berichtet (www.ox-fanzine.de); im Plastic Bomb wurden die
Gedanken von Michael Graves auf eine "fast schon kindische Naivität"
(PB 48, S. 27) zurückgeführt und die Initiative als "Schwachsinn" (PB
47, S. 95) bezeichnet. Einer der vorläufigen Höhepunkte: Graves"
Konzertagentur Avacado-Booking sagte eine Europatournee von Gotham
Road, dem derzeitigen Bandprojekt des Conservative-Punk-Sprechers, aus
politischen Gründen gleich ganz ab.

Jan Gerber (Bahamas 46/2005)

Anmerkungen:

1) Wolfgang Pohrt: Nutzlose Welt. Ohnmacht im Spätkapitalismus [1973],
in: ders.: Theorie des Gebrauchswerts. Über die Vergänglichkeit der
historischen Voraussetzungen, unter denen allein das Kapital
Gebrauchswert setzt, 2. Auflage, Berlin 2001, S. 27.

2) Rechtschreibung und Grammatik der Zitate wurden aus Gründen der
Leserlichkeit korrigiert.

3) Ein Verweis auf das wohl bekannteste und beliebteste Lied dieser
Art - "Deutschland" von Slime - soll genügen. Strophe eins: "Wo
Faschisten und Multis das Land regiern/ wo Leben und Umwelt keinen
interessiern/ wo alle Menschen ihr Ich verliern/ da kann eigentlich
nur noch eins passiern: Deutschland muß sterben, damit wir leben
können." Strophe zwei: "Rot ist der Himmel, schwarz ist die Erde/
gold sind die Hände der Bonzenschweine (in einer späteren Variante:
'Treuhandschweine')/ doch der Bundesadler stürzt bald ab/ denn
Deutschland, wir tragen dich zu Grab." Strophe drei: "Wo Raketen
und Panzer den Frieden sichern/ AKWs und Computer das Leben
'verbessern'/ bewaffnete Roboter überall/ doch Deutschland, wir
bringen Dich zu Fall." Die Band beklagt sich damit nicht nur über
Law and Order ("bewaffnete Roboter") u.ä.; sie beschwert sich vor
allem auch darüber, daß der Staat nicht dem Volke diene sowie Staat
und Gesellschaft nicht in eins fielen.

4) Die Politpunk-Ikone Anti-Flag beschwerte sich etwa darüber, daß
keine Gesetze existieren, "die eine Einflußnahme des Kapitals auf
die Politik tatsächlich unterbinden" (PB 43, S. 93); Youth Brigade
äußerten in einem Interview, daß ein Anschlag wie am 11. September
"zu erwarten war, nachdem die verschiedenen US-Regierungen den Rest
der Welt so lange wie Dreck behandelt haben" (PB 45, S. 101); und
"Fat Mike" Burkett, Sänger von NoFx und Gründer von Punkvoter,
erklärte: "Amerika ist in diesen Tagen ein bißchen wie Deutschland
1937 oder 38. George Bush hat schon eine gewisse Ähnlichkeit mit
Hitler." (PB 48, S. 9)



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